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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 277

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
277 (sequence 14)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 277 sprechenden deutschen Kriegsliteratur, der Kommunisten, wenn bürgerliche, der Bourgeoisie, wenn sozialistische Ultras sie malen; Luther kommt bei manchen katholischen Autoren in dasselbe Zerrlicht, wie das Papsttum bei den entsprechenden Protestanten. Hier, wo, auf unser besonderes Thema zurückkommend, von Affekt oder „Gesinnung" nicht mehr gesprochen werden darf, wo die Betroffenen den Antisemitismus bedingt oder unbedingt verwerfen, ist dennoch erlaubt, wenigstens von dem Modus unbewußt antisemitischer Einstellung zu reden. Denn: die durchdringende blickschärfende Wärme, die Voraussetzung aller Erkenntnis, geht diesen Erkennenden ab, wenn sie sich mit Jüdischem gelegentlich oder ausdrücklich befassen. Einer ganzen Disziplin, der protestantischen Bibelkritik, liegt — von Ed. Reuß, Wünsche u. a. abzusehen — die Freude am Zerstören eines jüdischen Nimbus mit im Ton der Worte, in dem sie ihre oft unanfechtbaren, auch uns willkommenen Ergebnisse vorträgt; wo katholische Autoren vom Rabbinismus, dem offiziellen Judentum zur Zeit Jesu und hernach, reden, haben sie sich die Mühe nicht genommen, ihn auf seine Motive, Werte, Tendenzen hin zu prüfen*); in dieser Zeitschrift haben zwei belanglosere Dokumente dieser Einstellung, Franz Bleis „Menschliche Betrachtungen zur Politik" und Clemens Ritters „Summa"-aufsatz „Saulus" ihre Korrektur erfahren, und auch über die Grundlagen, auf denen Sombarts Darstellung des jüdischen Charakters, Geistes, des Geistes der jü dischen Religion in seinem .sonst sehr verdienstlichen, aufschlußreichen und auch uns wertvollen, schon zitierten Judenbuche beruht, ist hier gehandelt worden (Der Jude, Jahrgang I, Heft n; Jahrgang II, Heft 4; Jahrgang II, Heft 2). Aber vor allem eine Tatsache findet hier ihre Beleuchtung: daß noch heute die Juden, mitten unter den wißbegierigsten und forschungsfähigsten Völkern, welche überallhin ihre Expeditionen und Reisenden gesandt und alte Kulturen aufgedeckt haben, das unbekannte Volk geblieben sind — obwohl sie im Osten eine zusammenhängend lebende, erforschbare Gesellschaft und im Westen wenigstens eine erforschbare, überall vorhandene Literatur besaßen, die sie jedem nach ihrer Kenntnis Strebenden freudig zur Verfügung stellten, ohne nach seiner Gesinnung oder Einstellung zu fragen: froh, daß jemand von außen die Mühe des Kennenlernens auf sich nahm. Wieweit die Bemühungen Wünsches, Bubers, Ben Gorions und anderer in deutscher Sprache dieser Unbekanntheit abhelfen werden, bleibt abzuwarten. Die Leichtfertigkeit, mit der auf Grund ungenügendster Intuition und mangelhaftesten Wissens *) Am schlimmsten kommen dort selbstverständlich die Pharisäer weg, deren „Pharisäismus" ihnen eben so sehr zugeschrieben werden darf, wie der englische cant den Engländern— leider auch bei Max Scheler, dem außergewöhnlich erfahrenen und erleuchteten Darsteller und Systematiker des Gebiets der Werte, ohne dessen Schriften (Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik, Halle 1912 und 1914, Abhandlungen und Aufsätze, Leipzig 1915) diese Arbeit nicht hätte geschrieben werden können.

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