Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 276 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Arnold Zweig: fahrungen geht, die man machen will oder nicht will*) — bewußt, darauf lege man Akzent. Denn nun kann auch ein Zustand eintreten, in dem dieses Bewußtsein schwindet, und zwar aufgesogen wird von der Einnahme einer allgemein objektiven Haltung — nicht etwa nur zu Juden und Judentum, sondern zu allen Erscheinungen der reichen Welt. Der Komplex „Jüdisches" tritt aus den andern überhaupt nicht mehr hervor, er wird mit Akzenten des Mißfallens oder der Ablehnung bewußt garnicht mehr begleitet, ja innerhalb seiner wird zwischen Wertvollem und Unwertträgern wohl unterschieden — vor der Absicht und der Selbstkontrolle der Träger. Und doch erlebt der Jude, der sich in das Weltbild solcher Personen vertieft, etwas Merkwürdiges — und zwar sind diese Personen verteilt durch alle Schichten der Gesellschaft, bemerkbar aber wird dies Merkwürdige am leichtesten vor der Produktion von politischen und literarischen Schriftstellern oder Rednern, von Dichtern, Wissenschaftlern, Philosophen. Eben noch, darin besteht es, findet er sie im Flusse freier Aufgeschlossenheit, jenes hellen Erblickens und Widerklingens, das, mit der Weite des Blickfelds, der sicheren Erfassung wesentlicher Zusammenhänge und dem aus dem Zentrum der Erscheinung gleichsam in alle ihre Ausstrahlungen gleich frei und vertraut dringenden Sehen und Verstehen, von der inneren Verbundenheit eines Erkennenden oder Gestaltenden mit seinem Gegenstande Zeugnis ablegt: da plötzlich berührt dieser Aussagende jüdische Phänomene, sei es Personen oder Einrichtungen, historische Gestaltungen des Judentums oder gegenwärtige Leistungen der Judenheit, berührt sie beiläufig, vielleicht nur in erklärender Parallele: und erscheint, ohne es zu wissen, wie mit innerer Blindheit geschlagen: schiefe Zusammenstellungen treten auf, groteske Mißdeutungen, auf mangelnder Unterrichtetheit beruhend oder versagenden Blick dokumentierend, stehen unzweideutig da, ein hämischer Ton klingt an, eine jüdische Gestalt wird dargestellt so ohnmächtig wie nichts im ganzen übrigen opus des Dichters — und sobald dieses Thema verlassen ist, steht alles wieder an der rechten Stelle. Offenbar vollzieht sich diese Entwertung des Jüdischen schon in der Auswahl, in der das Material aufgenommen wird; ja, schon „Auswahl" ist mißdeutbar gesagt: im Grunde wird hier nur gesehen, was der Sehende zu sehen erwartet, gedeutet nur in der Richtung, in der die Ergebnisse der Deutung dem Deutenden willkommen sind, und gegenteilige, unwillkommene Ergebnisse fallen von selbst durch das auf jene eingestellte Sieb des Bemerkbaren. Selbstverständlich teilt hier das Jüdische nur das Schicksal anderer Gruppen nationaler, sozialer oder religiöser Bindung, z. B. des Jesuitenordens, der Deutschen in einer gewissen ententistischen, der Ententevölker in der ent- *) Der Ausdruck „Gesinnung" ist hier unzutreffend; Antisemitismus kann keine Gesinnung werden, wohl aber eine jener gesinnungsähnlichen Strebungen, von denen Alexander Pfänder in seiner eindringlichen Studie „Zur Psychologie der Gesinnungen" (Husserl, Jahrbuch I. Band, Teil i, Halle 1913), S. 325 ff., besonders auf S. 35°£fhandelt