Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 275 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 275 aber, mit euren Hauptmanns und Manns, Wedekinds und Strindbergs, Georges und Rilkes, Russen, Franzosen (und Skandinaviern) seid das nicht — von den Juden und Jüngsten ganz zu schweigen. Wir wollen das christlichgermanische Schönheitsideal, eine vaterländische Prosa, eine Kunst, die uns erfreut und das Leben verklärt, verschönt und sanft abbildet — nichts aber wollen wir, was bösartig, aufreizend und bedrückend, pervers, dekadent und artistisch zu gleicher Zeit ist — euer Europa, euren jüdischen Geschmack. Uns selber und was uns erbaut, wollen wir im geistigen Leben wiederfinden und den Geschmack des Volkes danach lenken — nicht aber finden wollen wir euch; unmöglich können wir uns von euch die Vorbilder diktieren lassen, die den Geist unserer Jugend formen werden. Und obwohl eure Urteile uns nicht maßgeblich sind, auch wenn wir sie zwanzig Jahre später zu den unseren machen sollten: lieber wollen wir nur vergangene große Kunst, und in der Gegenwart nur Mittelgut besitzen als uns von euch die Wege öffentlicher Kunsterziehung und den Geschmack vorschreiben lassen" — so etwa sagen sie und handeln danach. Und da eine Fülle stiller, vornehmer, kultivierter Deutschen unter ihnen sich befindet, deren Heim eine Stätte guter Erziehung und oft vornehmer Traditionen ist, deren Lebenstempo sich nach dem geruhig in sich selbst gegründeten Stil vergangener Generationen sehnt, die sie in ihren zarten und reinen Dichtern suchen, finden und lieben, bei Keller und Storm, Stifter und Mörike, ist es vielen Juden oft eine nachdenkliche und gelegentlich tragische Angelegenheit, von ihnen verneint zu werden; aber auch wir Anderen, die Zusammenhänge Durchschauenden werden im Zusammenstoß mit ihrer Welt immer zu spüren haben, daß dort Werte sind, die geschont, und Herzen, die nicht verstört werden sollten — wenn die Notwendigkeit es uns nicht hart abfordert. Wie kam dieser Typus zustande? Dadurch, daß der Verschiedenheitsaffekt sein Vorzeichen änderte, daß er aus der Negation des Jüdischen (und fälschlich so genannten) und zu ihr addierend die Position des Nichtjüdischen, des Eigenen entwickelte. Voraussetzung solcher Entwicklung ist nun nicht etwa eine Abkehr von anderen Modi des Antisemitismus, sie ist im Verein mit ihnen sehr wohl denkbar und sicher vorhanden. In ihrer reinen Form aber Hegt ihr eine Seelenform zugrunde, der jeder ungezügelte Affekt verdächtig und verwerflich ist, jede schrankenlos hinschießende Begierde und Verneinung. Im Setzen von wünschenswerten Zielen für sie, in der Auswahl solcher Ziele, in der Strenge des Festhaltens daran, in der Unterordnung der Affekte unter den Willen, den sittlichen Willen einer geistig, religiös oder durch Kaste und Tradition geformten Person wird auch der antisemitische Affekt verarbeitet und verwertet; man zieht vor, sich zu bejahen und besser noch die Werte zu bejahen, denen man sich unterordnet und widmet, als den Juden zu verneinen. Der Antisemitismus ist hier kein Affekt mehr, eher das, was man in der Verkehrsprache eine „Gesinnung" nennt — ein bestimmter intellektueller Habitus, mit dem man bewußt an die Auswahl derjenigen Erlebnisse und Er- 18*