Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 274 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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274 Arnold Zweig: des Affekts kann seine Höherwertung und gar Fruchtbarmachung nie folgen. Und doch heißt, Affekte kultivieren, nicht nur sie beherrschen, sondern vor allem sie reinigen und fruchtbar machen, aus ihnen zeugen, gestalten, sich bilden und Werte bilden. Und es gibt einen Modus des Antisemitismus, der diesen Habitus hat, nennen wir ihn den aristokratischen. Er ist die geistige Haltung von Menschen, die mit Leidenschaft „unter sich" sein wollen. Ihnen ist der Jude weder ein Träger von nichts als Unwerten noch ein Zerstörer ihrer Werte — sie sehen vielmehr ganz klar eine Art Vorbildlichkeit in gewissen Dingen an ihm; nur ist er nicht sie; sein Tempo nicht das ihre, seine Vorzugsgesetze nicht die ihren. Wo sie konziliant sind, fühlt er radikal, wo sie ablehnen, betet er an, wo er Werte bejaht, die auch sie bejahen, möchten sie am liebsten zurücktreten um ihm das Feld allein zu lassen das nun das ihre nicht mehr ist. Und es bereitet ihnen einen fast körperlichen Schmerz, zu sehen, wie oft im geistigen Alltag Juden die vom Volkstum dieser Antisemiten gezeugten Werte schneller erkennen, heftiger lieben, tiefer verstehen und tätiger durchsetzen, als dieses Volkstum selbst es tut, ja, als sie selber, die in ihrer Ablehnung des Neuen nur stets verspätet sich zu diesen Werten zu bekennen imstande sind. So ging es ihnen mit Gerhart Hauptmann und Hermann Stehr, so mit den beiden Mann, und so wird es ihnen, um ein großes Beispiel zu wählen, mit Stefan George gehen. (Ein antisemitisches Flugblatt (Flugbild) aus dem Berlin von 1808 etwa verspottet mit einem Gefolge von Juden die Dichter Kleist, Brentano und Arnim.) Sie leiden darunter, daß sie nicht imstande sein sollen, ihre eigenen Ideale und Werte in Kunstwerken öffentlichster Geltung darzustellen, nur weil es Künstler und Dichter gibt, die ein anderes Ideal und andere Werte mit größerer Menschlichkeit, weiterem Horizont, intensiverer Gestaltungskraft ins öffentliche Leben hineinbilden und, dank jüdischer Unterscheidungsfähigkeit, sich und diese Werte durchsetzen. Sie ziehen eine geringere Kunst (Wildenbruch, Schönherr, Bartsch, Dahn, Bloem, Lienhart usw.) von ausgesprochen nationaldeutschem Programm einer größeren von europäischer Verbindlichkeit, und Verbundenheit vor; sie wollen lieber das in Prosa trivialisierte Nibelungenlied als Thomas Mann lesen, lieber Hebbels Nibelungen als seinen Gyges für sein Meisterwerk erklären, die Bilder von Thoma — nicht nur seine schönen Landschaften, sondern auch seine leeren Figurenbilder — denen Liebermanns, Hodlers, und gar der Franzosen und deutschen Expressionisten öffentlich vorgezoge'n sehen, und überhaupt deutsches Wesen als das, was sie davon lieben und darzustellen versuchen, festlegen. Und in alldem sehen sie sich von Juden oder „verjudeten" „entdeutschten" Deutschen gestört. „Liebt, was ihr wollt, lest, was ihr wollt, aber prägt nicht unseren deutschen Bühnen euren Geschmack auf, auch wenn ihr sie geschaffen habt, und bestimmt mit euren Verlegern und euren Autoren, jüdischen und nichtjüdischen, die Form des öffentlichen Geschmacks nicht. Denn die Dichtung eines Volkes soll national und von seinen Besten in Zustimmung und Ablehnung getragen sein; ihr