Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 273 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 273 er darf eigentlich dem Juden seinen Antisemitismus nicht zu schmecken geben. Eine solche Institution war 2. B. das ehemalige preußische Heer, waren viele höhere Schulen in Norddeutschland, viele Volksschulen, viele Polizeireviere, sind jetzt im ganzen Reich gewisse Rechtsinstitutionen, Mittel- und Hochschulen, war während des Krieges im Osten der gesamte Verwaltungsapparat in bezug auf die jOstjuden — die Art der Abneigung gegen sie ließ sich charakteristisch anders an als die gegen Polen, Litauer, Esthen — und unter dem Einfluß der ultranationalen Propaganda allmählich, seit der denkwürdigen Judenzählung 1916, zu einer Zeit als man wohlgetan hätte die vergeblich geopferten Toten der schon verlorenen Verdunschlacht zu zählen und zu erwägen, das deutsche Heer. Es wäre Versündigung gegen den Geist der einfachen menschlichen Anständigkeit, wenn man nun unterließe auszusagen, daß erstens in jeder dieser Institutionen unter den unzähligen Funktionären eine wohltuend große Zahl von Männern arbeitete, die Charakter genug hatten, um von antisemitischer Infektion ganz frei zu bleiben, und weiter eine sehr große, die bei deutlich antisemitischer Einstellung in vollkommener Selbstbeherrschung ja -Verleugnung diese ihre geistige Haltung auf ihre Amtsführung nie Einfluß haben ließen, ja bis zu positiver Förderung von Juden gingen, um sicher zu sein, daß sie sich nicht gehen ließen; drittens aber, daß zufällig in diesen Einrichtungen Männer, Antisemiten, wirkten, deren antijüdische Einstellung in einen der weiterhin zu beschreibenden Modi. fällt. Aber schon die Tatsache allein, daß man „Charakter haben", d. h. einen besonders unberührbar und deutlich individualisiert geprägten Charakter haben mußte, um der Infektion oder besser der Verbildung durch die Luft des Amtes zu widerstehen, um nicht ins Gedränge des antijüdischen Affekts und seiner Ideologie gerissen zu werden, beweist das Vorhandensein dieser Ideologie als Amtsgeist. Und wie erbitternd war und ist ihre Wirkung — nicht nur auf die Juden, sondern auf jeden billig denkenden Menschen, der erwägt, daß es hier nicht, wie vor dem rabiaten Affekt, im Belieben der Juden steht, seine Streuzone zu vermeiden! Erbitternd, weil tief in die Seele Schädigung auf immer gießend, ist die antisemitisch gefärbte Äußerung eines einzigen Lehrers bei einer einzigen Gelegenheit, eines einzigen Richters bei einem einzigen Urteil — und wer ist da nicht zugleich mit dem jüdischen Objekt geschädigt, wenn öffentliche Institutionen das Vertrauen staatshafter Gerechtigkeit verlieren? Wenn mit schlechtverhohlener Schadenfreude und der Haltung unterschiedsloser Pflichterfüllung der Diener der Allgemeinheit seine Objekte abstuft nach insgeheim sanktionierten Antipathien? Wenn gar die oberste Kontrolle eines oder etlicher Ressorts aus ihrer Billigung dieser Antipathien keinen Hehl macht — in polen, in Ungarn, nicht nur in Ungarn? Hier unterhöhlt der Affekt einer Gruppe das Fundament des öffentlichen Wohles — und das ist eine nachdenkliche Geschichte. Aus bloßer Unterlassung affektiver Handlungen, aus bloßer Beherrschung H**t s/6. 18