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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 272

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
272 (sequence 9)
Language
German
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272 Arnold Zweig: semitismus ist reiner Affekt, eine Haltung, die man kaum geistig nennen möchte, und die in der Soldateska Denikins und Petljuras, Horthys und Pilsudskis ihre fluchwürdigen Wirkungen ausgeübt hat. Aber jeder Affekt ist der Kultivierung fähig, alle Kultur ruht auf Affekten, ja ihres Wesens ein Teil erschöpft sich in der Bändigung, Reinigung und Veredelung solcher Elementarkräfte — Bändigung und Reinigung, welche Gegensätze zu Verdrängung und Vertuschung sind, weil sie Bewußtheit des Vorhandenseins solcher Kräfte, zum mindesten ihr stilles Eingestehen vor dem verlegenen Selbstbewußtsein des Einzelnen zur Voraussetzung haben. So ist z. B. die Ehe das wundervolle Produkt der Bändigung des Geschlechtstriebs, und der Tod um einer für wahr erkannten Idee willen erst möglich geworden durch die starrköpfigste Rechthaberei, mit der sich der Primitive an die Unaufgebbarkeit einer Sache, eines Dinges klammert. Von dieser Kultivierbarkeit macht der Antisemitismus keine Ausnahme, und die Stufen dieses seelischen Prozesses, die wir seine Modi nennen, haben wir jetzt vor, kurz zu beschreiben. Daß wir nicht von Verdrängung reden, wollen wir noch einmal unterstreichen; daß Antisemitismus die Verdrängungserscheinung anderer Erlebnisse sein kann, haben wir anfangs gezeigt, und auch verdrängten Antisemitismus gibt es, wie wir noch zeigen werden; hier aber sprechen wir von klar erkanntem und vor dem Ich zugegebenem Antisemitismus, und erwarten nicht, ihn etwa auf jeder Stufe der Kultivierung ein erträglicheres oder gar erfreulicheres Gesicht zeigen zu sehn — im Gegenteil: wie alles Ganze, Radikale und Gewalttätige auf einen impassiblen Betrachter, der sich dazu auch einmal „ästhetisch" zu verhalten vermag, einen erfreulichen Effekt machen kann, kann auch der nackte, rabiate Vulgärantisemitismus solche Wirkung haben, und sei es eine komische. Der nächsten Stufe geht sie ab: sie wirkt unbedingt erbitternd. Sie wird erreicht, wenn eine dem Staatswohl dienende, von der Allgemeinheit erhaltene und von ihr dem Gefühl nach kontrollierte Institution ganz oder teilweise von Antisemitismus erfüllt ist, wenn er in ihr Tradition ist, d. h. wenn ihre wechselnden Funktionäre durch unbemerkte oder ausdrückliche Umgestaltung und Erziehung ihres Wesens zu ihm hin veranlaßt werden, erstens das Auftauchen von Juden im Bereich der Wirkung des amtlichen Apparates mit abschätzigen Regungen beliebiger Heftigkeitsgrade zu begleiten, und zweitens, diese Regungen nur so zu äußern, daß sie ihnen „nicht nachgewiesen werden können" — weil eben der Charakter einer öffentlichen Institution diese Regungen nicht vertrage. Nennen wir diesen Modus den geleugneten Antisemitismus, so erkennen wir zugleich, daß er, im Sinne der auferlegten gewissen Selbstbeherrschung, in der Tat eine höhere, d. h. gereinigtere Form des Antisemitismus ist als der vulgäre, auch, daß die Verbindungen zwischen beiden durch die vorhin als bescheidenes moralisches Raffinement bezeichnete Warnung vor Exzessen hergestellt wird — auf dieser Stufe ist schon Exzeß, was auf jener noch gutes Recht des Antisemiten ist:

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