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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 271

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
271 (sequence 8)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 271 Ernährung die leiblichen Grundlagen des geistigen Seins schmälern, ist solche Wirkung nicht zu erwarten: eine nachtragende Gereiztheit beherrscht jedermann, der nicht mehr als durchschnittliche Seelenschulung besitzt. Dies ist die Vorform, das geackerte und gedüngte Feld auch für denjenigen Modus des Antisemitismus, der Straße und Versammlung, Wahlplakat, Flugblatt und Hetzpresse der ausgesprochen antisemitischen Parteien den Stempel gibt: des Vulgärantisemitismus; und sobald solch ein vorgeformter Mann (und, vor allem, eine Frau) in den aussäenden Wurfbereich, in die Streuungszone dieser Partei und ihrer Ideen kommt,, geschieht es, daß seine Kränkung, vorher noch immerhin peripher in der Seele und trotz seines lange nachklingenden Grollens immerhin fähig vom Ablauf der Zeit und anderweitigen Erlebnissen aufgesogen zu werden, zum Zentrum einer seelischen Kristallisation wird: alle Sorgen, aller Ärger, aller Groll über ungreifbare Zeitmächte schießen um diesen Punkt erstarrend zusammen: ein Antisemit mehr. Von nun an wird er alle Strahlen des öffentlichen Lebens nur durch diesen Kristall gebrochen aufnehmen, ganz unter der Herrschaft des Abstoßungsaffekts gegen den Juden stehn der ihm von einem rationalen Überbau verdeckt wird, und zwar einem politischen, und wird in einer lückenlosen Einheitlichkeit alles Schädliche, Üble, Scheußliche in seiner Umwelt auf das Wirken „jüdischer" Mächte zurückführen, von denen wir im ersten Teil dieser Arbeit bereits ein Bild gegeben haben. Je nach seinem Bildungsgrad wird er eine anders gruppierte Ansicht von diesen Mächten gewinnen, wird im Relief jüdischer Niederträchtigkeiten Ritualmord, Grausamkeit gegen Gefangene (Ungarn), jüdische Vivisektion an Tieren unterm Mantel der Wissenschaft, Grausamkeit des Schächtens vortreten lassen, vielleicht auch viehische Sinnlichkeit und Verführung blonder Mädchen, oder mehr die politische Verräterei der Juden durch Anstiftung des Weltkriegs und der Revolution, die „Greuel der Rätezeit" in München und vor allem in Ungarn und Rußland, oder schließlich die Ausbeutung der Wirtsvölkerarbeit durch den gerissenen und gewissenlosen Wuchergeist der Juden — kurz, er wird das ganze absurde Evangelium des Vulgärantisemitismus seine Triebe, Instinkte und Wünsche auftreiben lassen, bis er eines Tages, fast ohne zu wissen wie, mit irgendwelchen Waffen in besinnungslosen Händen, in einer Zeit, die, wie die Mordchronik jeder Zeitung lehrt, die Hemmung vor Blutvergießen in allen Schichten abgeschliffen hat, die Taten von anderer Leute Gedanken ausführt. Dann werden freilich eben diese Leute Gedrucktes vorweisen, in dem sie vor Gewalttat gewarnt haben, geschickt wie sie sind, sie werden sich selbst salviert und ihn von sich geschüttelt Jiaben — und Tote bleiben deshalb dennoch tot, und Totschläger verfallen — ideell, nicht heutzutage — der Justiz. Diese Taktik der halben Hinweise, der Blindwut zeugenden Reden und Schriften mit ausdrücklichem Warnen vor den Taten dieser Blindwut, ist eines der interessantesten und lehrreichsten petit faits heutiger Zivilisation: das einzige moralische Raffinement, das dieser Geisteshaltung möglich ist. Dieser rabiate Anti-

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