Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 270 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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270 Arnold Zweig: sich, als die konservative Partei in ihr Tivoliprogramm den Antisemitismus aufnahm, sehr konservative Edelleute von ihr ab — so fremd stand ihre protestantische Gesinnung den Selbstvergötterungen der Rassenlehrer gegenüber. Es mußte ein neues Geschlecht aufwachsen, von der Größe des neuen Reiches geblendet, die Nation mußte bei Treitschke in die Lehre gehen, den Nietzsche mit einem Mundwinkelzucken den „königlich preußischen Hofhistoriographen" nannte, um seinen Grad von Ablehnung gegen solche Geschichtsschreibung zu äußern, Sachlichkeit, intellektuelles Gewissen und Freiheit des Blickes für den Kulturvorsprung Westeuropas mußten schwinden, das neue deutsche Schulbuch mit seinen Werturteilen über alle fremden Staaten mußte sich in die Köpfe einer Generation einbläuen, der alles Militaristische selbstverständlich war, der Begriff „Europa" als kultureller Einheit hatte zu weichen und ein unter Wilhelm I. unverständlicher, lärmender Kult der Herrlichkeit des Reiches mußte aus der deutschen eine byzantinische öffentliche Meinung machen, damit, nach einem verlorenen, militärisch verlorenen Kriege, der Jude ins Zentrum der politisch-kulturellen Diskussion gerückt werden konnte; damit eine Szene von der Denkwürdigkeit jenes 25. August 1920 möglich werde, wo in öffentlicher Versammlung ein jüdischer Gelehrter von Weltruf von deutschen Studenten tätlich angegriffen ward unter dem Schlachtruf: „Dem Juden muß man an die Gurgel." 10. Und nun verweisen wir, von dem bis hierher Erkannten zurückblickend, auf jene Stelle (II, 5), auf die wir noch einzugehen dort versprachen: sie handelte von einer noch nicht antisemitischen Wallung gegen einen oder die Juden. Setzen wir, um dies Versprechen einzulösen: ein Deutscher erleide einen Nachteil oder ein Ärgernis persönlicher oder wirtschaftlicher Art durch einen oder etliche Juden: so kann er es abreagieren und vergessen: er erleide ein zweites: hier entscheidet sich, ob er vom Differenzaffekt beherrscht wird oder ob andere Kräfte, der Einsicht etwa (auch der Güte, Leichtlebigkeit, des Humors), in ihm die Oberhand haben. Im ersten Falle nämlich wird die unverhältnismäßige Heftigkeit seiner Reaktion darlegen, daß er durchaus den ersten Nachteil nicht vergessen hatte, daß er in ihm unbewußt gewühlt und gewartet hat und nun mit summierter Heftigkeit vorbricht. In Zeiten geruhiger und reichlicher Lebensmöglichkeit genügt ein Vorteil, den er von anderen Juden erreicht, eine tröstend teilnehmende Haltung von Juden, denen er seine Kränkungen schildert und die seine Beleidiger tadeln, oder die Aufklärung, die ihm Nichtjuden darüber geben, daß man für die Taten Einzelner nie eine Allgemeinheit haftbar machen dürfe, um ihm das Gefühl der Kränkung und die Haltung des Nachtragenden für immer zu nehmen. Heute aber, wo eine furchtbare Enge und allgemeiner Mangel das Lebensgefühl peinigen und wo Abstoßungsaffekte von Gruppe zu Gruppe das politische Leben unerträglich machen, indes Leiden aller Art und eine noch immer ungenügende