Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 269

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
269 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101169-3105528--4115-3105579
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der heutige deutsche Antisemitismus 269 kein Makel oder irgend Beeinträchtigung seines Wesens ist, wie ferner weder die Erlebnisse, die verdrängt den Widerwillen ergaben, noch die Tendenzen, die zur Verdrängung führten, irgend Einwände gegen den Verdränger sind — allgemein gesprochen, Ausnahmen zugestanden und eine unvoreingenommene Geisteshaltung dessen vorausgesetzt, der über ihn urteilen will —, genau so wenig ist, selbst für den Juden, derjenige a priori entwertet, der Gefäß des falschinterpretierten, falschmotivierten Differenzaffekts gegen die Juden ist: obwohl wir in der Leidenschaft politisch-nationalen Kampfes gegen den Affekt selbst und seine Wirkungen auf uns nicht selten von jeder Heftigkeit uns hingerissen sehen werden. Diese hier deutlich geschilderte Einsicht, von der der hier Untersuchende gewiß gelegentlich abgewichen ist, die er aber als Grund und Klarheit seines Erkennens in sich zu spüren meint, wird eminent werden erst, wenn wir die Haltung erörtern, die der Jude vor dem Antisemitismus einnimmt; aber auch jetzt,schon, indem wir uns dem zuwenden, was wir seine Modi nennen, kommt sie zur Geltung: denn politische Erkenntnisse kommen zu allerletzt dem politischen Geiste, der ein polemischer sein wird sobald er seine Grundfragen erörtert, ja sind, als Erkenntnisse die allem Politischen zugrunde liegen und den Wert der Politik genannten Sphäre abmessen, ihm fast entrückt, und nur dem stellen sie sich ein, der sie cum amore et hilaritate aufnimmt, wie auch immer sie beschaffen seien. Mit diesem linterton stellen wir jetzt fest, daß der pseudowissenschaftlich überbaute, der moderne Antisemitismus der Beitrag des Deutschen zur Geschichte des antijüdischen Affekts ist; mit dieser Schöpfung hat er ihn im „aufgeklärten" 19. Jahrhundert neu fundiert, legitimiert und wieder möglich gemacht. Man kann in den Diskussionen zwischen 1830 und 1848/49, als die Frage der Judenemanzipation die Geister erregte, deutlich spüren, wie wenig erfreut von ihrem Material und ihren Gründen gegen die bürgerliche Gleichstellung die Gegner der Judenbefreiung waren; abgesehen davon, daß sie damals gegen das ganze geistige Deutschland standen, weil sie für die verlorene Sache der Autorität und den alten Obrigkeitsstaat fochten, weil damals deutsche Einheit von deutscher Freiheit unablösbar schien und in der Forderung auch wirtschaftlicher Freiheit für den tiers 6tat die Interessen des gesamten Bürgertums einheitlich liefen: damals vertrug sich das deutsche Kulturgefühl nicht mit antijüdischen Empfindungen; es mußte ein Bewußtseinswandel und eine neue Formel zusammentreffen, um ihnen ein Bürgerrecht in der Öffentlichkeit wiederzuverleihen. Die Formel schuf Renan, den Bewußtseinswandel die Verheerung des deutschen öffentlichen Lebens durch die Industrialisierung des einstigen Agrarstaates, die Ratlosigkeit in der Suche des Übels, die Vordergrundrolle einer jüdisch-bourgeoisen Schicht, deren kulturelle Unsicherheit übermäßig heftig registriert ward, der Übertritt des deutschen Bürgertums zur Ordnungspartei, als nach 1848 die Revolution plötzlich ihr Wirtschaftsprogramm — von Juden formuliert — anmeldete, und die Militarisierung der öffentlichen Gesinnung nach soviel Siegen. Und dennoch wandten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.