Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 268 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Arnold Zweig: verlassen, in denen man sich noch einen Christen nennen kann — in irgendeinem Sinne. Es kann keinen Katholiken geben, der diese Einsicht leugnet; aber auch dem Protestanten dürfte sie nicht schwer werden, obwohl Luther in der Vergottung des Staates durch die Identität von oberstem Bischof und Landesherr zur Vernichtung seiner eignen reformatorischen Tat aus Gründen der Politik das letzte Wort sprach. Daher auch hat der radikale Flügel des Antisemitismus das Christentum ausdrücklich verlassen, und unzählige Namenschristen, deren Sinn für religiöse Tatsachen von Gleichgültigkeit und Pseudowissenschaft hinreichend verheert ist, um sie den ehrwürdigen Namen eines freien Geistes zur Bezeichnung ihrer Ohnmacht mißbrauchen zu lassen, tun es ohne diese programmatische Attitüde. Der Antisemit als „freier Geist" — Nietzsche hätte zu lachen gehabt. . . Und doch wäre diese Synthese noch verständlicher als die aus Antisemiten und konservativen Christen, die sich in Preußen als etwas so Natürliches ergab. Es gibt, sobald sie nur mißbräuchlich, ihrem Geiste entfremdet und ihrer beseelten Lebendigkeit beraubt, mit Namen genannt wird, keine geistige Macht, die heute mit Antisemitismus unverträglich wäre: Christentum, freie Erkenntnis, Wissenschaft, Staatsverehrung, ja selbst Demokratie und Sozialismus — diese freilich nur als Aushängeschild für Verwirrte — lassen sich in seiner Gesellschaft, in engerer oder lockrerer Verbindung mit ihm betreffen, er ist eine legitime Parole geworden: ein Beweis mehr dafür, daß wir recht haben, ihn als Affekt und Auswirkung von Urtrieben aufzufassen und alle seine sinngebenden Proklamationen als sekundären Oberbau. Daher auch kommt es, daß Antisemitismus den Charakter seines Trägers nur in einem, gleich zu schildernden Falle beeinflußt. Während konstitutioneller Haß, Geiz, Rachsucht, Schadenfreude den Menschen, der sie in sich hat, langsam auffressen, bis er als hohles Gespenst seiner eigenen Affekte ein schauerliches Dasein lebt, Gestalt aus dem Tartarus menschlicher Passion, bleibt dem Antisemiten diese Verunstaltung (immer abgesehen von jenem Fall), wenn man will, erspart oder auch ist er gegen sie immun. Man trifft, antisemitisch durchtränkt, vornehme Menschen, redliche Charaktere, Menschen oft, die das Lebendige heiteren Herzens an sich ziehen und Kameraden voll Tatbereitschaft denen sind, die sie bejahen, ja allen, die sie nicht durchaus verneinen, Forscher von größter Hingabe an ihr speziales Forschungsgebiet, kindhaft treue Existenzen und aufrichtig an der Formung ihres Charakters arbeitende Männer. All solche und noch viel andere Spielarten des deutschen Menschen bekennen sich zu antisemitischen Maximen, und schon darum wird man gut tun, immer der Rundheit und Fülle menschlicher Person, der vielfältigen Kreuzung von Motiven, Affekten, Empfindungen und Idealen im einzelnen Menschen zu gedenken, gerade in so prinzipiellen Untersuchungen. Geist macht einseitig, Leben ist vielseitig und Gerechtigkeit die Ordnung des Herzens oder ihre Voraussetzung. Wie Widerwille gegen gewisse Speisen oder Tiere nichts über das bewußtseinsfähige Seelenleben eines Menschen aussagt sondern aus unterbewußten Erlebnissen stammt, auch