Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 266 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101169-3105528--4112-3105576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
266 Arnold Zweig: erst jetzt die abschätzigen Urteile großer Denker über Judentum und Judenvolk jedes an die Stelle gerückt werden, an der es zur besten Geltung kommt. Der Antisemit hat heute die Meinung, im Zusammenhang bewiesener Fakta zu urteilen. Daß jedes dieser Fakta bereits durch weiterwachsende Erkenntnis entweder aufgehoben oder um-interpretiert worden ist, geht ihn nichts an, da dieses Wachstum sich in abgesonderten Fachzeitschriften oder in wissenschaftlichen Publikationen niederschlägt, die ihm nicht nahegebracht werden — dank der Tatsache, daß er seine Erkenntnis aus den Populärpublikationen bereits antisemitisch durchdrungener Geister schöpft und nur aus ihnen. Dem prachtvollen, an Material und Einsicht überwältigenden Buche des Grafen Coudenhove*) entnehme man (S. 56 ff.) die Darstellung, wie vor den Entdeckungen der großen semitischen Kulturen Assyriens und Babylons, Renan 1855 in seiner „Histoire generale et Systeme compard des langues semitiques" den Grundstock der antisemitischen Lehre von der Unfruchtbarkeit usw. usw. des semitischen Wesens legte (den er nachher allerdings verwarf) und der noch heute apodiktisch gilt, weil man noch nicht den Mut hat, zuzugeben, daß alle Grundzüge der europäischen Zivilisation und Kultur von semitischen Völkern geschaffen wurden (den Beweis dafür ebenfalls bei Coudenhove). Man mußte in logischer und biologischer Konsequenz das verwerfende Urteil über Juden und Judentum bis an die Wurzeln der Rasse zurüpkverlegen, weil sonst kein Grund für das Gebäude stabil genug zu finden gewesen wäre, und bewahrte streng seine Unwissenheit, z. B. über die machtvoll-blühenden Kulturen arabischer Reiche, damit es stehen bleibe: man hätte erfahren müssen, daß selbst Rittertum und Minnedienst daher stammten . . (vgl. z. B. Coudenhove S. 79ff.)« Um vor sich selbst und seiner Heuchelei von Kultur zu bestehen, gab sich der Antisemitismus diese Miene falscher Wissenschaftlichkeit, falscher Sachlichkeit, falscher Objektivität, die er heute noch, nach Zusammenbruch aller Theorien von Rasse usw., beibehält, und dies gibt ihm erst das Schielende, Gleisnerische, Verlogene, das ihn heute auszeichnet, jene groteske Blindheit für alle von Juden gezeugten Werte, seine radikale Tendenz zur Entwertung aller nichtgermanisch-arischen Schöpfung, seine komische Anmaßung, alle, schlechthin alle schöpferischen Individuen und Zeiten in Europa auf germanischen Einschlag zurückzuführen, wie französische Keltomanen sie alle auf keltischen zurückführen: Hypothesen, deren einziger unleugbarer Grund in der geistigen Verfassung derer liegt, die sie haben und zur Ausprägung ihres Lebensgefühls haben müssen — Wahnsinnigen gleich, die ihre id£e fixe in die Welt projizieren, weil sie zur zentralen Idee ihrer Existenz geworden ist. Wenn man, wie der radikale Antisemit, die ganze Welt als ein wildes Spiel von vitalen Mächten ansieht, das ganze Leben als ein System von Ringkämpfen, in denen der Stärkere das Recht auf seiner Seite hat und der Stärkste der von Gott gewollte Herr der *) Dr. Heinrich Graf Coudenhove, Das Wesen des Antisemitismus. Berlin 1901, Calvary u. Co.