Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 265 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 265 Volk zu Volk, Klasse zu Klasse) Urteile in allgemeiner Geltung, deren sich, in ruhiger Epoche, niemand mehr schämt als der, der sie einst glaubte oder gar erschuf. Er sieht dann, daß es sachliche, richtige Urteile dieser Art damals gar nicht gab, er erstaunt über die'Grobheit und Dreistigkeit der Täuschung, der er unterlag. Während des Krieges und am Anfang besonders gab es bei allen Völkern über alle anderen nur falsche öffentliche Meinungen, die sich mit apodiktischer Gewißheit als das jeweils letzte Ergebnis historischer oder intuitiver Erkenntnis vorstellten: günstig-falsche über Bundesgenossen und Neutrale, verwerfend-falsche über „Unfreundlich-Neutrale" und Feinde; und man kann genau konstatieren, daß von Fall zu Fall, mit jedem Eintreten einer neuen Macht in den Krieg, das öffentliche Urteil von Zeitungen, Buchschreibern und Gelehrten gerade in ihr die Verkörperung der übelsten, entwertetsten und verbrecherischesten Geistesart anprangerten, unbeschadet einer weiteren Rangordnung, die in dem jeweils mächtigsten Gegner das Meiste an Verwerflichkeit erblickte. Jeder Differenzaffekt, auch der antisemitische, begründet sich also, im Bewußtsein seines Trägers, mit Urteilen, und zwar aus derjenigen geistigen Sphäre, die zurzeit in den Menschen am wirksamsten ist: religiöse, nationale, wirtschaftliche „Gründe" lösten einander ab. Heute ist diese Sphäre die der wissenschaftlichen Erkenntnis; seitdem das neunzehnte Jahrhundert dem Menschen hv Anwendung naturwissenlicher Hypothesen, Methoden und Resultate eine unglaublich rasche Herrschaft über Kräfte und Distanzen des Erdballs gab und seine Lebensgestaltung bis in die kleinsten Verrichtungen des Haushalts beeinflußte, steht sie als der wahre Herrscher zentral in der Schätzung menschlicher Fähigkeiten, Werte und Güter. Und damit wird jeder aus tiefen Affekten des Menschen aufsteigende Wunsch, jeder Wille zur Veränderung menschlicher Zustände naturwissenschaftlich überbaut. Was im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert als religiöse und recht-hafte Forderung auftrat, die Umgestaltung der Gesell? schaft, gibt sich im achtzehnten Jahrhundert als Forderung der Vernunft und im neunzehnten als die der wissenschaftlich-naturgesetzlichen Notwendigkeit. In gleicher Weise stellt sich die Variation des Antisemitismus dar: und erst dadurch bekommt er seine endgültige Prägung. Erst der zum wissenschaftlichen System erhobene Differenzaffekt, erst der mit wissenschaftlichen Argumenten und „Tatsachengruppierungen" überbaute antijüdische Affekt ist das, was wir Antisemitismus nennen. Erst durch diesen Überbau findet er das gute Gewissen, die Radikalität und Würde des Auftretens in dieser Zeit; und indem er sich mit der „Voraussetzungslosigkeit" der Forschung bekleidet, gewinnt er unendliches: vor allem die Gestalt seines Gegenteils, des kühl-erhabenen vernünftigen Urteils, dann den Vorzug des Systems, welches durch seine Widerspruchslosigkeit besticht und durch seine architektonische Qualität imponiert, ferner verleiht er dem Anhänger jetzt nicht mehr das entwertende Prädikat des Affektmenschen, sondern fast die Unantastbarkeit des Philosophen, und schließlich können