Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Eine Vorrede
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 263 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Vorrede 263 mehr sieht, als in der Wirklichkeit existiert, und später in Verzweiflung fällt und das Vertrauen zu unserer ganzen Sache verliert. Aber wissen wir nicht alle, wie die Deklaration bei ihrer Veröffentlichung kommentiert wurde, und was für prahlerische Übertreibungen sich viele Parteileute und Schriftsteller von damals an bis heute hinein zu interpretieren bemühten? Das jüdische Volk hörte es und glaubte, daß wirklich das Ende des Golus gekommen sei und nach einer kleinen Spanne Palästina ein Judenstaat sein werde. Auch das arabische Volk, das wir seit dem Beginn der palästinensischen Kolonisation immer als nicht existierend betrachtet hatten, hörte es und glaubte, daß die Juden kämen, um es von seinem Boden zu verjagen und nach ihrem Belieben mit ihm zu verfahren. All das mußte notwendig zu Reibungen und Erbitterung von beiden Seiten führen und hat zum großen Teil jene Lage verschuldet, die sich in ihrer ganzen Häßlichkeit durch die Ereignisse in Jerusalem an den vergangenen Pessachtagen offenbart hat*). Aus diesen zusammen mit anderen vorhergehenden Ereignissen hätten wir lernen können, wie weit der Weg von einem Versprechen auf dem Papier zu seiner Verkörperung durch die Tat ist, und wieviel Hindernisse, die nicht leicht zu beseitigen sind, noch auf unserem Wege liegen. Aber wie es scheint, haben wir gar nichts gelernt, und nur wenige Tage nach den Ereignissen in Jerusalem, als das britische Versprechen in San Remo bestätigt wurde, begannen wir abermals in das Horn des Messias zu stoßen und Proklamationen über die „Erlösung" usw. zu erlassen. Diese Bestätigung hat, wie ich bereits oben sagte, das Versprechen zu einer internationalen Verpflichtung erhoben, und in dieser Hinsicht ist ihre Bedeutung unzweifelhaft sehr groß. Aber zu seinem Inhalt ist nichts hinzugekommen, und der Text des alten Versprechens bleibt, wie er war, ohne jede Veränderung. Die richtige Auslegung dieses Textes haben wir bereits oben gesehen, aber durch seine Kürze und Unbestimmtheit läßt er denen, die das wollen, Raum — wie die Erfahrung in Palästina bereits gezeigt hat —, seine Absicht noch viel mehr einzuschränken, fast bis zu Null. Alles hängt also von dem guten Willen des Vormunds ab, dem in San Remo die Pflicht auferlegt worden ist, die Formel in die Wirklichkeit umzusetzen. Wenn wir den Blick auf die Wirklichkeit, so wie sie ist, gerichtet hätten, so hätten wir *) Es sei mir erlaubt, daran zu erinnern, daß ich bereits vor fünfundzwanzig Jahren, nach der Rückkehr von meiner ersten Palästinareise auf den groben Irrtum aufmerksam machte, der bei uns in bezug auf die palästinensischen Araber eingerissen war, indem wir sie als „Wüstenwilde*' betrachteten, „die nicht sehen und begreifen, was rings um sie geschieht", während in Wahrheit „die Araber, besonders die städtischen Araber, unsere Taten und Bestrebungen im Lande zwar sehen und begreifen, aber schweigen und sich unwissend stellen, weil sie in unserer jetzigen Arbeit keine Gefahr für ihre Zukunft sehen. . . . Aber wenn eine Zeit kommen wird, in der das Leben unseres Volkes in Palästina sich so weit entwickelt, daß es in größerem oder geringerem Maß die Landesbevölkerung einengt, dann wird diese ihren Platz nicht leicht räumen." („Die Wahrheit aus Palästina." AI Paraschath Derachim, Bd. 1, S. 28.)