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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 258

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Eine Vorrede
Date
1920-01-01
Page
258 (sequence 2)
Language
German
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258 Achad-Haam: gefügt (und noch mehr hat jener Sturm selbst es bewirkt), daß ich gerade in dieser Zeit an einer hartnäckigen Krankheit erkrankte, die mich seit längerer Zeit der Möglichkeit beraubt, offenen Auges alle Geschehnisse ringsum zu beobachten und mit aufmerksamem Ohr allen Phrasen Gehör zu schenken, die jetzt in der Welt im allgemeinen und besonders in unserer Welt freies Spiel haben; ich brauche nicht erst zu sagen, daß ich nicht die Kraft habe, das erforderliche Material zu sammeln und zu bearbeiten und in einer angemessenen literarischen Form den Lesern vorzulegen. Vielleicht hätte in einer solchen Lage mir Schweigen besser angestanden, besonders da ich dieses Schweigen bereits seit langer Zeit auch aus anderen Gründen gewählt habe. Aber ich gestehe, daß es mir sehr schwer fällt, von ferne zu stehen und zuzusehen, wie meine Sammlung, der Extrakt meiner Lebensarbeit, neu erscheint, nachdem sie bereits längst vom Markte verschwunden war, — und ich sollte sie nicht wenigstens mit einigen Worten auf ihrem Wege geleiten, Worten, die zwar nicht dazu dienen sollen, meine Ansichten über alle gegenwärtigen Fragen auseinanderzusetzen, aber dennoch zeigen, wohin sich meine Gedanken hauptsächlich noch wenden und von welcher Frage ich gewünscht hätte, daß die Sammlung zu ihrer richtigen Lösung beitrage. Als ich im Jahre 1912 aus Palästina zurückkehrte, meine Meinung in dem Aufsatze „Die Bilanz" aussprach und mir dadurch von verschiedenen Seiten starken Unwillen zuzog, schrieb ich einige Worte zur Erklärung dieser Erscheinung, als Ergänzung des erwähnten Aufsatzes, und ich möchte hier die Leser an einige dieser Worte erinnern, weil sie mir jetzt aktuell zu sein scheinen. Sie mögen hier folgen: „Zwischen jedem Ziel und den zu seiner Erreichung unternommenen Handlungen muß eine natürliche Verbindung, ein kausaler Zusammenhang bestehen. Wir dürfen die Antwort auf die Frage nicht schuldig bleiben, wie durch diese unsere Handlungen das Ziel erreicht werden soll. Und solange ein solcher Zusammenhang nicht besteht, und wir auf diese Frage höchstens mit einem ganz ungewissen ,Vielleicht doch . . wer weiß . . ., die Zeiten ändern sich* antworten können — solange dieser Zustand andauert, bedeutet all dies für uns zwar eine liebe Hoffnung, ein Ideal für eine ferne Zukunft, nicht aber ein praktisches Ziel, das die Grundlage für eine methodische Arbeit darstellt. Denn alle methodische Arbeit muß sich notwendig auf eine klare -(reale oder phantastische) Vorstellung von dem kausalen Zusammenhang stützen, der die verschiedenen Handlungen untereinander und mit dem Ziele verknüpft. ... Vielleicht wird man sagen: Wer kann künden, was geschehen wird? Ist es nicht möglich, daß ganz unvorhergesehene Dinge eintreten und der Wirklichkeit ein ganz neues Gesicht geben? Jawohl, die Möglichkeit besteht. Aber eine solche Möglichkeit kann man nicht zur Grundlage für eine methodische Arbeit machen. Sie bietet noch kein Ziel für Handlungen in der Gegenwart, sondern ein Wunschbild für künftige Zeiten."

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