Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Geschichte [Rezension]
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 255 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau: Geschichte 255 bräischen Textes und der Übersetzung die Hauptwerke des Chassidismus zu besitzen. Zugleich geben wir der Hoffnung Ausdruck, daß die deutsch-jüdische Forschung sich mehr der Geschichte der Ostjuden seit 1750 zuwenden möge. Ist doch diese Periode, deren Kinder wir sind, neben unserm Altertum für uns die wichtigste. In der äußerlich-politischen Geschichte der Aufklärungsbewegung bildet die Zeit von der französischen Revolution bis zum Wiener Kongreß die entscheidende Epoche. Noch im 18. Jahrhundert war trotz einzelner lokaler Erleichterungen — z, B. unter Joseph II. — die Lage der Juden in Mittel- und Westeuropa eine überall gleiche. Die französische Revolution brachte den Juden die Emanzipation, und der mit den napoleonischen Heeren vordringende französische Einfluß trug sie auch nach Deutschland. Aber die Restauration, die dem „Freiheitskriege" folgte, nahm die meisten Errungenschaften der Zwischenzeit wieder zurück. So entstand, da jeder Landesherr anders verfuhr, ein buntes Chaos von Judenrechten in Deutschland, dessen gemeinsamer Grundton aber der Notschrei des unterdrückten und wieder seiner Menschenrechte beraubten jüdischen Volkes war. Der Wiener Kongreß sollte diesem Chaos ein Ende setzen, auf ihn richteten sich auch die Blicke der deutschen Judenschaft, besonders der Gemeinden in den vier freien Reichsstädten, wo die reaktionären Bürgerschaften die Juden wieder in vornapoleonische Verhältnisse versetzen wollten. Da griffen diese jüdischen Gemeinden zu dem Mittel, durch Delegationen beim Wiener Kongreß an die Mächte zu appellieren. Frankfurt und die drei Hansastädte entsandten je eine Delegation: die Frankfurter, aus zwei Juden bestehend, verlangte in kurzsichtigem Partikularismus nur den Schutz der Rechte der Juden ihrer Gemeinde, während der Vertreter der Juden der Hansastädte, ein christlicher Advokat, seine Postulate für alle Juden des ganzen deutschen künftigen Bundes aufstellte. Unabhängig davon kamen die Judenrechte wiederholt in den Sitzungen zur Ausarbeitung der deutschen Bundesverfassung zur Rede. Welche Bedeutung diese Verhandlungen für die Emanzipation der Juden und für die Charakteristik der Stellung des damaligen Europa dieser Frage gegenüber hatten, *st klar. Während wir aber für die Emanzipation der Juden in der französischen Revolution und unter Napoleon und für ihre Befreiung in Preußen ausführliche Darstellungen besitzen, liegt für den Wiener Kongreß erst jetzt in der Schrift von Salo Baron eine eingehende Studie vor. Ist diese Zeit — nicht nur wegen der äußerlichen Parallelen mit manchem bei der Versailler Konferenz von 1919 — an sich interessant, so besitzt Barons Buch den unzweifelhaften Vorzug, gut lesbar geschrieben zu sein. Obwohl im IV. Abschnitt („Die Wiener Salons") Baron ein interessantes Bild dieser der Berliner Haskala verwandten, aber numerisch geringeren, primitiveren und auf das Judentum einflußloseren österreichisch - jüdischen Geldaristokratie, der Arnstein, Eskeles, Herz, Lämel und Auspitz gibt und damit einen Beitrag zur Psychologie der beginnenden Assimilation*), vertieft er dem ganzen politischen Charakter des Buches entsprechend das Bild nicht genügend und läßt den Wunsch bestehen, bald eine Geschichte des Beginns der Assimilation und Aufklärung bei den Juden der deutsch-österreichischen Erbländer zu besitzen. Aber als politische Geschichte ist Barons lebendige Darstellung zu begrüßen, und wenn mir auch sein Erklärungsversuch bezüglich der verhängnisvollen Ersetzung des Wörtchens „in" durch „von" in Art. 16 der Bundesakte nicht überzeugend erscheint, ist doch seine Ablehnung des allzu naheliegenden Standpunktes Grätzs und Philippsohns (die darin eine Fälschung des bestochenen Gentz sehen) richtig.**) *) Eigenartige Tvpen unter ihnen waren Eskeles, Lämel und Auspitz. Sie waren mit die besten Figuren jenes modernen beginnenden Finanzjuden, der doch tief in seiner psychologischen Art mehr als in seiner Frömmigkeit oder seinem Lebenswandel traditionsgebunden wirkte. So beschreibt Rahel: „Eskeles, den ich sehr liebe, weil ihm seine Klugheit bis aus den Poren dringt... ich amüsiere mich hier... besser als alle anderen Leute; weil er ganz altväterisch geblieben ist, mit geistigen Gaben und ein reiches Leben über ihn weggegangen ist, welches er ganz nach seiner Art bearbeitet hat, und lauter Originales davon ausgibt, mit der aisance der gelebtesten Menschen auf gut alttestamentliche Weise." Von Lämel, unzweifelhaft dem besten österreichischen Patrioten 1801--1814 in Prag, hat seine Tochter Elise Herz, als sie die Lämelstiftung in Jerusalem errichtete, in der Stiftungsurkunde behauptet „in seinem Sinne" zu handeln. Von dem mährischen Juden Auspilz entwirft sein Enkel Theod. Gomperz folgende Schilderung: „Einem männlicheren Mann bin ich in meinem nunmehr schon recht langen Leben nicht begegnet. Wuchtig wie seine . . . massiven Gesichtszüge war sein großes Wesen ... Nur auf das Wesentliche war sein Sinn gerichtet, mit schwerem, oft mit schroffem Ernst und mit heftiger, auch unduldsamer Abneigung gegen die Vertreter jedes Schein wesens." In ihrer jüdischen Haltung freilich waren alle fünf getreu jener Opportunitätspolitik der Halbheiten, die damals alles Auftreten des offiziellen Judentums charakterisierte. **) Eine kleine, für den Historiker interessante Sammlung von Urkunden zur Juden-