Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Geschichte [Rezension]
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 254 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Umschau: Geschichte Juden (Dubnows „Geschichte des jüdischen Volks in der neuesten Zeit", die jetzt im Jüdischen Verlag übersetzt erscheinen wird, wird hier eine empfindliche Lücke ausfüllen) durch viele Einzelzüge anschaulich macht —ein Nachteil, weil die literarisch-geistigen Beziehungen der Haskala zu nichtjüdischen geistigen Strömungen Rußlands und Europas zu wenig hervortreten und auch derartig wichtige Einzelprobleme wie die Sprachenfrage nicht eine gebührende Würdigung erhalten. Vor allem aber fehlt ein eingehendes Bild der sozial-ökonomischen Verhältnisse, aus denen die Männer der Haskala hervorgehen, eine Herausarbeitung der Gründe der Entstehung der entschiedenen Russifizierungsbewegung in den sechziger Jahren wie der nationalen Bewegung 20 Jahre später und eine plastischere Darstellung so eigenartiger Menschen wie Smolenski oder Mapu. Aber trotz dieser Mängel ist Meisls Buch aufrichtig jedem, nicht nur dem Historiker zu empfehlen, ist es doch die einzige zusammenhängende Quelle, aus der man sich derzeit über diejenige Bewegung in der neuesten Geschichte des Judentums unterrichten kann, die dem Chassidismus an Bedeutung gleichkommt. Der Chassidismus hat bisher zwei Historiker von Bedeutung gefunden, 'S. M. Dubnow und S. A. Horodezky. Dubnows Geschichte merkt man den Maskil an, er steht dem Chassidismus kühl gegenüber, und obwohl er die Vorzüge der Lehre Beschts zu schätzen weiß, sieht er doch alle Entartung der folgenden Geschlechter. Auch versucht er, der Historiker von Fach ist, das Bild des Chassidismus in einen weiten Rahmen einzustellen und vor allem auch die wirtschaftlichen . Ursachen und Faktoren dieser religiösen Bewegung klarzulegen. Ihm verdanken wir die einzige wissenschaftliche und zusammenhängende Geschichte des Chassidismus, die wir bisher haben, und es ist sehr zu beklagen, daß wir bisher noch keine Übersetzung ins Deutsche besitzen. Der jüngere Horodezky tritt an den Chassidismus, aus dessen Schoß er hervorgegangen ist, ganz anders heran. Er liebt den Chassidismus wie die jüdische Mystik überhaupt und berauscht sein Herz an ihr, er ist nicht Historiker, sondern Religionsforscher und vernachlässigt daher alle nichtreligicsen Faktoren, insbesondere das wirtschaftliche Moment, das zwar sicherlich nicht ausreicht, die irrationalen Wendungen in der Geschichte des menschlichen Geistes zu erklären, das aber, wenn wir überhaupt Geschichte wissenschaftlich schreiben wollen, für das Verständnis der geschichtlichen Ereignisse von größter Bedeutung ist. Horodezkys neu erschienenes Buch „Religiöse Strömungen im Judentum" hat vor allem den großen Wert für den deutschen Leser, daß es ihm zum erstenmal ein eingehendes Bild der Geschichte des Chassidismus seit Beseht bis auf unsere Tage bietet, und dies seitens eines Mannes, der wie kein zweiter im deutschen Sprachgebiet die Quellen kennt und auch das besitzt, was dem guten Geschichtsschreiber unentbehrlich ist, Liebe zu seinem Gegenstande. Die drei ersten Aufsätze dieses Buches, die die mystische Strömung im Judentume, das „unterirdische Judentum" Bubers dem „offiziellen" gegenüberstellen, sind viel zu schematisch und viel zu einseitig, um ein geschichtliches Bild der Entwicklung zu geben. Das gilt vor allem von dem Aufsatz „Zwei Richtungen im Judentum" und „Der Gaon von Wilna und der Baal Schern". Der Prophetismus ist ein so verzweigtes und kompliziertes Problem, daß er mit der bloßen Einstellung in das unterirdische Judentum nicht zu bewältigen ist. Andererseits muß der Geschichtsschreiber sich auch bemühen, die inneren Notwendigkeiten und vor allem die erhabene Größe des Rabbinismus und des Talmudjudentums zu erfassen; eine Figur wie der Gaon von Wilna kann nicht mit allgemein gehaltenen Parallelen abgetan werden. Wenn der Referent, dessen Neigungen wohl genügend bekannt sein dürften, dies mit einer solchen Schärfe zu betonen wünscht, so tut er das in dem Bewußtsein, daß eine derartig schematische Geschichtsauffassung dem Verständnisse für die Größe unserer Geschichte Abbruch tut. Mit allem Nachdruck aber möchte ich auf zwei Aufsätze dieses Buches, „Die Blütezeit des Chassidismus" und „Die Sadagorer Dynastie" hinweisen. Der deutsche Leser, der sich bisher nur aus kleinen Monographien oder aus Bubers Büchern, die aber bewußt keine Geschichte darbieten wollen, eine vage Vorstellung vom Chassidismus gebildet hat, gewinnt hier ein klares und scharfes Bild, vor allem deswegen, weil es Horodezky gelungen ist, die charakteristischen Gestalten mit plastischer Schärfe herauszuarbeiten. Horodezkys Darstellungen lesen sich viel besser als die Dubnows. Würde Horodezky es verstehen, den Chassidismus nicht nur als eine rein religiöse Bewegung aufzufassen, sondern seinen »Ursprüngen und Zusammenhängen im wirtschaftlichen und politischen Leben der Juden nachzugehen und die Fäden mit dem geistigen Leben des nichtchassidischen Judentums und der nichtjüdischen Umgebung herzustellen, er wäre ohne Zweifel der berufene Historiker des Chassidismus. Jedenfalls sind wir Horodezky für sein Buch aufricht'g dankbar. Es bleibt uns nur der Wunsch, endlich einmal in deutschen Übersetzungen, oder noch besser in Parallelausgaben des he-