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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 256

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Geschichte [Rezension]
Date
1920-01-01
Page
256 (sequence 5)
Language
German
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256 Umschau: Geschichte Überblicken wir die Resultate des Wiener Kongresses, so erscheinen sie uns — nicht nur in ihrer Beziehung zur Judenfrage — nichtig. Den „Freiheitskriegen und ihrem „nationalen Enthusiasmus" folgte die jämmerlichste Kotzebuereaktion, Aber die Verhältnisse waren stärker und größer als die handelnden Menschen, selbst als die Diplomaten und Heroen: es begann das 19. Jahrhundert, diese letzte Epoche in der Geschichte der westeuropäischen Menschheit. Sie brach zusammen im Weltkrieg. Die Versuche, sie im Versailler Kongreß wieder zu kleistern» scheiterten kläglich. Die Verhältnisse sind auch diesmal stärker als die Menschen. Dem „nationalen Enthusiasmus" dieser verschiedenen „Freiheitskriege" sucht auch die kläglichste Reaktion zu folgen. Sie wird das Kommen des Neuen nicht aufhalten. Auf dem Wiener Kongreß wurde die Judenfrage recht schüchtern eine europäische, sie trat durch vereinzelte Vertreter und stärker durch christlichen Beistand denn aus eigener Kraft geführt auf, auf dem Versailler Kongreß stand sie im vollen Lichte der Öffentlichkeit, durch offizielle Delegierte vertreten. Aber die Emanzipation des jüdischen Volkes kam nicht durch den Wiener Kongreß, dessen Beschlüsse ganz wenige Jahrzehnte später völlig vertilgt waren, sondern aus ihrer immanenten Notwendigkeit, wie es Wilhelm v. Humboldt vorausgesehen hatte — die breitere Emanzipation des jüdischen Volkes wird nicht vom Versailler Kongresse und seinen Tochterkonferenzen kommen, deren Beschlüsse in noch viel kürzerer Zeit vom allgemeinen Chaos verschlungen sein werden ... lernen wir aus der Geschichte! Der Fehler des 19. Jahrhunderts und der Haskala war der Staatsfetischismus. Dem als frage auf dem Wiener Kongreß gibt Gelber. Die wichtigsten sind das Gesuch der fünf jüdischen österreichischen Geldaristokraten an Kaiser Franz und das antisemitische Memorandum des Bremer Delegierten Smidt. absoluten geistigen Wesen verherrlichten Staate schrieben christliche Diplomaten wie jüdische Maskilim Erziehungsaufgaben zu. Der Staat müsse die jüdischen Halbbürger erst langsam zu Vollbürgern erziehen, sagten die Christen, und die Maskilim in Berlin wie vor allem in Russland stimmten zu und blickten — was Meisl gut ausführt — mit Ehrfurcht zum Staate Nikolaus I. auf. „Der Staat ist kein Erziehungs-, sondern ein Rechtsinstitut" sagte mit einer zu seiner Zeit großen Kühnheit W. v. Humboldt. Heute ist er nicht einmal das. Es war das innerlich Tote und Scheinhafte der maskilischen Assimilation, die sie im Staate das lebendige All erblicken Heß: hier gilt uns mehr das lebendiginnere Feuer des Chassidismus, das in seiner Reinheit (schon nicht mehr im Chabad) am Staate als Unwesentlichem vorbeigeht. Sokolows „History of Z'onism" ist die Geschichte des Zionismus als eines Abschlusses des 19. Jahrhunderts und der Emanzipationsbestrebungen der Haskala. Sie läßt nicht ahnen, daß der Zionismus auch etwas Neues ist jenseits endender europäischer Staatengeschichte: der Übergang zu der neuen asiatischen Epoche, die Europas Mächte in ihrem chaotischen Untergang selber entzünden. Aber er nimmt in dem unverlierbaren Erbe der Haskala manches mit, zu dem wir immer wieder werden zurückkehren müssen: Ringen um helle Klarheit, um Unbefangenheit und Unabhängigkeit, Betonung des Allgemein-Menschlichen und der Würde des Individuums und seiner Aufgabe. In den Fäden, die von der Haskala zu Rousseau, Lessing, Kant und Schiller, von der Emanzipation zur französischen Revolution, zu Voltaire und W. v. Humboldt gehen — Beziehungen, die Meisl zu wenig betont hat und die außerhalb des Gesichtsfeldes des Baronschen Buches liegen — nimmt der Zionismus das beste Erbe des sterbenden Europas nach Asien. Hans Kohn Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Strauß, Berlin. — Jüdischer Verlag, Berlin. in Leipzig, — Druck von Oscar Brandstetter

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