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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 253

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Geschichte [Rezension]
Date
1920-01-01
Page
253 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Geschichte 253 Ereignisse und Maßnahmen. Vielleicht hätte Sokolow, wenn er nicht im Dienste unseres Volkes so unermüdlich überbürdet wäre, Besseres geschaffen... eine „Geschichte des Zionismus" bleibt noch zu schreiben. Dem künftigen Historiker aber wird Sokolows Werk als Sammlung vieler wertvoller (freilich auch mancher sehr vnwesentlicher) Materialien guten Dienst leisten. Ich habe vorhin den Zionismus mit der Aufklärung in Verbindung gebracht. Die jüdischnationale Bewegung in ihrer modernen, durch Smolensky, Pinsker und Heß bestimmten Form war nur aus der Aufklärung, aus der Assimilation heraus denkbar. Schon Smolensky hat dieser Erkenntnis an einigen Stellen seiner Schriften Ausdruck verliehen, in dem Buche „Vom Judentum" im Jahre 1913 war der Gedanke der Entwicklung vom Ghetto über die Aufklärung und Assimilation als notwendiges Zwischenglied zum Zionismus in einigen Aufsätzen deutlich ausgesprochen und ein von mir vorbereitetes Euch „Von Wesen und Wegen der Juden" soll diesem wichtigen Problem unserer neuesten Geschichte näher nachgehen. Dieser Weg über die Aufklärung zum Zionismus ist aber nicht nur im Westen festzustellen, auch in Rußland war die Haskala, der Ursprung der Assimilation, in ihrer weiteren immanent notwendigen Entwicklung die Wiege des jüdischen Nationalismus. Dies wird schon aus einem schnellen zusammenfassenden Elick über die Geschichte der neuhebräischen Literatur deutlich, wie man ihn aus J. Klausners „Is.orija nowoewrejskoj literaturi", die in kurzem in deutscher Übersetzung im Jüdischen Verlag erscheinen wird, gewinnen kann, und die eindringlichen Studien, die — meist in russischer Sprache — in letzter Zeit gerade für diese Epoche gemacht wurden, — erwähnt seien nur die Arbeiten von Dubnow und Zinberg und die Zeitschriften Woschod und Jewrejskaja Starina — haben diese Erkenntnis bis in alle Details verfolgt. Den ersten, durch Benutzung des gesamten Materials wertvollen Versuch, die Geschichte der Haskala in Rußland auch dem deutschen, der osteuropäischen Sprachen unkundigen Leser zu vermitteln, hat Josef Meisl gemacht. Er besitzt, auch der Haskala gegenüber die richtige Einstellung: „In Rußland ward die Haskala nicht allein zu einer Quelle der Bereicherung des Wissens und der Geistesbildung, sondern mehr noch der Boden, aus welchem im Zusammenhange mit anderen Motiven eine neue, in positivem Sinne jüdische Bewegung, die national-jüdische Richtung emporsproßte." Das Ergebnis seiner Untersuchung vorwegnehmend, erklärt er: „Es wird sich ergeben, daß die Haskala, nachdem ihre negativen Auswüchse durch retardierende, zugleich aber mehr positiv wirkende Momente ausgeglichen worden waren, schließlich doch siegreich als eine unentbehrliche Kraftquelle im Dasein der russischen Judenheit sich behauptet hat." Und wie bei jedem, der den Gegenstand seiner Forschung liebt, wird bei ihm Urteil zur Tendenz: „Wir möchten, daß vor allem die jüdisch-nationalen Kreise als die Vertreter der intensivsten Zukunftshoffnungen des jüdischen Volkes verstehen lernen mögen, wie sehr der Geist der Haskala in gewisser Modifikation ein integrierender Bestandteil der jüdisch-nationalen Idee geworden ist." Meisls Tuch selbst zeichnet sich durch große Vertrautheit mit dem Material aus. Wir besaßen bisher in deutscher Sprache keine irgendwie eindringende Untersuchung über dieses Gebiet, nur für die galizische Haskala bestand das Buch von Weißberg „Die neuhebräische Aufklärungsliteratur in Galizien" (Wien 1898). In den deutschen Darstellungen der jüdischen Geschichte der neuesten Zeit ist es üblich, die Kauptbewegung der Aufklärung ihren Sitz in Deutschland haben zu lassen und ihren Höhepunkt in Mendelssohn und den Meassphim. Meisl reigt demgegenüber, daß schon die galizische Haskala nicht nur von der deutschen gelernt, sondern umgekehrt diese vertieft und in ihrer Rückwirkung bereichert hat, und in noch höherem Grade gelte dies von der russischen. In dieser Auffassung steckt ein zweifellos berechtigter Protest gegen die bei uns übliche traditionelle, aber sie erscheint mir doch auch wieder ihrerseits übertrieben. In der „Berliner" Aufklärung finden wir bereits alle Züge der östlichen Tochterbewegung und auch geistig behält sowohl die menschlich-freie Richtung der Haskala (Berliner Salons um Rahel usf), wie die literarischassimilatorische, die wissenschaftliche, die zum Nationalismus rückkehrende und die religiösreformistische im Westen unbedingt immer die Führung. Aber der Osten hat den Vorteil, daß jede Bewegung, und sei sie selbst rein intellektueller Natur, eine eigenartige, weitere Formung durch den Hintergrund der Volksmassen gewinnt und daß, da die Millionen Menschen dort einen gewichtigen politischen Faktor abgeben, aus westlicher literarischer Angelegenheit eine Frage politischer Geschichte und staatsmännischer Führung wird. Es ist ein Vorzug und ein Mangel des Meisischen Buches zugleich, daß bei ihm das politische Moment, das Verhältnis zur russischen Staatsgewalt sehr in den Vordergrund tritt. Ein Vorteil, weil so die Geschichte einer geistigen Bewegung auf breitem historischen Hintergrund dargeboten wird und zugleich die bei uns wenig bekannte Geschichte der Östlichen

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