Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Geschichte [Rezension]
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 252 (sequence 1)
- Language
- German
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252 Umschau: Geschichte GESCHICHTE N. Sokolow: History of Zionism. — J. Meisl: Haskala. Schwetschke &Sohn, Berlin. — S. A. Horodezky: Religiöse Strömungen im Judentum. Ernst Bircher Verlag, Bern und Leipzig. — Salo Baron: Die Judenfrage auf dem Wiener Kongreß. R. Löwit Verlag, Wien. — N.M.Gelber: Aktenstücke zur Judenfrage am Wiener Kongreß. Verlag der Monatsschrift „Esra" Wien. Gegen die übliche Einteilung der Weltgeschichte in Altertum, Mittelalter und Neuzeit werden als eine rein mechanisch-schematische in letzter Zeit immer mehr Einwendungen erhoben, mit Recht, wenn man die Namen dieser Perioden und etwa eine jahresmäßig fixierte Begrenzung in Betracht zieht, mit Unrecht dagegen, wenn man sie als in sich geschlossene und vollendete Epochen geistig-geschichtlichen Seins erfaßt An der Grenze jeder dieser Zeiten steht ein politischer Zusammenbruch des Bisherbestehenden, eine große, geistige Revolution, die eine völlige Neueinstellung zur Folge hat, und eine sozialökonomische Umschichtung des gesamten Wirtschaftslebens. Für die allgemeine europäische Geschichte beginnt die „neueste Zeit" — der Name selbst ist nur ein provisorischer — deutlich mit der Zertrümmerung der alten Monarchien und ihrer absolutistischen Kabinettspolitik, mit den geistigen Bewegungen, deren äußerlichen Höhenpunkt die französische Revolution bildete — und mit dem Beginn des Kapitalismus. Auch die Geschichte der „neuesten Zeit" unseres Volkes beginnt (wenigstens was den entscheidenden Kauptteil unseres Volkes, die aschkenasischen Juden, betrifft) mit einer großen Revolution, die zweierlei verschiedene Formen angenommen hat. Es war ein Sturm gegen das soziale und geistige System unseres späteren „Mittelalters": des Ghetto. Dieser Sturm aber hatte ein doppeltes Gesicht: im Westen kam er von oben, im Osten von unten. Im Westen war er in den Großstädten konzentriert: ökonomisch eine Befreiung der Großbourgeoisie von zünftlerischer Enge, die ihren geistigen Ausdruck in der Annäherung an die damalige Aufklärung fand — im Osten kam er aus einsamen Dörfern: ökonomisch eine proletarische Bewegung zur Befreiung von der Herrschaft der Bourgeoisie, die ihren geistigen Ausdruck in einer populär-vitalen Form der durch die Sabbatai Zewi-Bewegung mächtig angeregten jüdischen Mystik fand. Beide Teile der Revolution waren — wie jede Revolution — in ihrem Ursprung ahistorisch, ohne Sinn für Geschichte. Beide verfielen der Geschichte, in dem Augenblicke, als sie auf die Mittelbourgeoisie übergingen: die Haskala, als sich ihrer die studierende Jugend der mittleren Schichten bemächtigte, der Chassidismus, als ihn im Chabad die geistige Bourgeoisie Littauens übernahm und im Süden im Zaddikismus Ökonomisch eine Bourgeoisie sich entwickelte. Haskala und Chassidismus gingen — als tiefe Bewegungen, nicht nur als äußere Erscheinungsformen gedacht — ihren gesonderten Weg: ihre Vereinigung ist in manchen Idealsetzungen (in Normen also, nicht in der Wirklichkeit!) mitteleuropäischer zionistischer Gruppen vollzogen. In Wirklichkeit umgesatzt war sie aber schon vor 60 Jahren in Moses Heß, der in sich Haskala und europäische Aufklärung mit dem Messianismus, der dem Chassidismus von Sabbatai Zewi her geblieben war, und dem Bewußtsein, in allen Handlungen vor .einer transzendenten geschichtlichen Realität zu stehen, dem Gottesbewußtsein des Chassidismus, verband. (Er war der erste Maskil, der — was damals noch vor allem „Neochassidismus", ja vor dem Erscheinen des Buches von E. Zweifel, eine Tat war — dem ursprünglichen Chassidismus volles Verständnis entgegenbrachte!) Moses Heß ist infolgedessen in manchem Sinne die zentrale Figur des Judentums des 19. Jahrhunderts, die Synthese seiner Bewegungen und der Wegweiser für die Zukunft: in einer „Geschichte des Zionismus" gebührt ihm daher ein ganz hervorragender Platz. Über Sokolows Versuch, eine solche zu schreiben, ist alles gesagt, wenn man erfährt, daß er Heß wenige Zeilen in einer Anmerkung seiner zwei voluminösen Bände widmet. Der Titel ist bei Sokolows Werk irreführend: hätte er den ersten Band „Analecta zur Geschichte des Zionsgedankens in England und Frankreich" genannt, den zweiten „Sammlung und Beleuchtung politischer Dokumente zur Geschichte des Zionismus seit Kriegsbeginn", so wäre sein Werk sicher als Materialiensammlung von großem Werte gewesen. Sokolow hat in den letzten fünf Jahren unermüdlich eine stete und große diplomatische Arbeit für den Zionismus geleistet: Geschichtswerke aber gebären sich in Stille. Nicht nur, daß jeder Versuch tiefern Eindringens fehlt, nicht nur, daß ängstlich vermieden wird, statt feuilletonistisch-vereinzelter Brocken geistige Zusammenhänge und Entwicklungen zu weisen: auch in der politischen Geschichte der letzten fünf Jahre, in denen der Autor selbst als tätiger Schöpfer, als aktive geschichtliche Gestalt mitgewirkt hat und nach denen ich zuerst gegriffen habe, fehlt jeder primitive Versuch einer pragmatisch-genetischen Erklärung der verschiedenen politischen