Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Kritik des Judentums
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 250 (sequence 3)
- Language
- German
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2S0 Umschau: Völkerpsychologie der Propheten. Hurwicz nennt die jüdische Mystik „eine Ornamentik am Tempel des Gesetzes" und die Hagada „bloße Illustration" der Halacha. Die Polarität des jüdischen Geistes in Prophetie und Gesetz, Kabbala und Talmud wird erst im Golus starr und Zusammenhang und Wechselwirkung gestört. Er sagt, nach dem Exil beginne ein unlösliches Zusammenwirken des durch das religiöse System erzogenen Volksgeistes; aber dieses System ist eben die erstarrte Form des Volksgeistes in Golus und Ghetto. Man könnte das Fortwirken des Gesetzesgeistes, nachdem die Schranken des Ghetto gefallen waren, einwenden. Da die Westjuden indes nur eine äußere Befreiung erreicht hatten, blieben sie in geistiger Unselbständigkeit, entweder ängstlich hinter orthodoxen Talmudmauern oder vorschnell dem neuzeitlichen Rationalismus angeglichen, der nach seiner Herkunft aus der Naturwissenschaft ihnen innerlich fremd blieb. Dagegen haben die Ostjuden, der Kern des Volkes, seit Chassidismus und Haskala eine innere Befreiung vollzogen und stehen diesem Rationalismus so gegenüber wie etwa die Ostasiaten, sie gaben ihr Wesen und Leben nicht den bloßen Mitteln preis, bei aller Technik und Wissenschaft bleibt der Vorrang in der Ordnung des Geistes der Religion gewahrt. Der Jude ist Theologe, d, h. auf allen Graden der Rationalisierung religiös gerichtet. Hurwicz sieht den Geist des Gesetzes nicht nur in Talmud und Rabbinertum wirksam, sondern auch in Wissenschaft und Politik der Neuzeit. Weil Juden auf Grund ihrer ethischen und intellektuellen Fähigkeiten eine Rolle spielen, erscheinen gleich alle neuzeitlichen Bewegungen verjudet. Seit der Emanzipation vor allem ist das Judentum, das keine Kultur, sondern eine Religion geschaffen hatte, im Westen in eine Kultur eingetreten, wie in Spanien zur islamischen und in Vorderasien und Ägypten zur hellenistischen Zeit. Die europäische Neuzeit bedeutet für Juden wie für Christen eine Epoche der Loslösung von der religiös-sozialen Bindung, seitdem besteht an Stelle der sakralen eine rational-humane Einstellung. Es sind nur die Subjekte und ein2 allgemeine und abstrakte Ratio geblieben, der Zusammenhalt ist eine bloß politische . Angelegenheit. Durch seine ethische Teleologie aber drängte immer der Jude (nach dem Verlust der Volks- und Gottesgemeinschaft) auf ein messianisches Reich und seine Misston galt der Herstellung einer Einheit und Gemeinschaft in Gott, der in der Neuzeit die Vernunft heißt. So haben Juden an allen revolutionären Bewegungen, die Vernunft-chiliastisch sind, teilgenommen, in der Forderung des Unbedingten nicht nachgelassen und um des zukünftigen Ideals willen, das zeitweise Fori schritt hieß, die Welt verwandeln und vollenden wollen. Das war der „Dienst" des Juden für die euro-' päische Welt in Kritik und Revolte. Zudeid war der Kampf für Freiheit und Gleichheit für den Juden selbstverständlich; alle humanitären, kosmopolitischen, internationalen Bestrebungen waren seine eigene Sache, war er doch wie der Prolet und Paria der Mensch ohne Land, Heimat, Nation, Kultur und Recht. Wenn Hurwicz Cohen „die reinste Ausprägung der Nomokratie" nennt, einen Denker, der „die Logik auf die Mathematik, die Rechtswissenschaft auf die Logik und die Ethik auf die Rechtswissenschaft gründet", so betont er doch selbst, daß diese Konsequenz des Kantischen Systems, „die Stellung des Staatslebens auf Recht und Gerechtigkeit, die Ausmerzung aller naturalistischen Elemente als bloßer Affekterweiterung," notwendigerweise zugleich die Postulate enthält, deren Erfüllung der Jude in seinem Diasporadasein verlangen muß, daß er also Mitläufer aus eigenem Interesse an einer allgemeinen Bewegung ist. „Recht und Staat sind Gebilde des Geistes, das Volk dagegen ein Produkt der Natur. Hegels reinen Kulturbegriff des Volkes lehnt Cohen ab" (Lask). Dehn Cohen ist eine Art Westjude, die ganz unvölkisch in die neuzeitlich-allgemeine Geistesbewegung eingeht und der es nur auf die Übereinstimmung ankommt, die zwischen der auf dem griechischen Rationalismus beruhenden jüdischen wie christlichen Scholastik besteht. Den formalen und abstrakten Rationalismus eines Cohen typisch für jüdische Geistesart zu nennen, geht nicht an, da ihm gleichzeitig Bergson, Simmel, Husserl entgegenstehen. Hurwicz tut Bergsons System als „rationalistisch" ab; aber es ist falsch, die ratio als Methode, als Mittel der Wissenschaft mit der ratio als Wesen der Welt und Grundbegriff der Systeme, die den Sensualismus zum Gegensatz haben, zu verwechseln. Mit der bloßen Intuition kann man natürlich keine „Schöpferische Entwicklung" schreiben, aber das emotionale Denken muß durch das Wissen hindurchgehen. (Daß man zu Ende denken muß, bis zur Grenze wissen kann, fällt keinem in einer^Zeit ein, die einfach glauben will!) Die Überwertung des Emotionalen als des schöpferischen Urgrundes führt zu einer vorwissenschaftlichen Einstellung, die die neue Sphäre für Denken und Wissen erst gewinnt. Auch die Mystiker haben die Einheit durch das Denken wiedergewinnen wollen und sind mit rationaler Scholastik bis zur Grenze gegangen. Ebenso die religiösen jüdischen Geister wie Philo und Maimonides.