Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Kritik des Judentums
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 251 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau: Völkerpsychologie 251 Hurwicz behauptet den Einfluß des jüdischen Gesetzesgeistes auf die neuzeitliche Wissenschaft wie Ökonomik und Politik. Ist denn die ganze auf der mathematischen Rationalität beruhende induktiv-analytische Wissenschaft verjudet? Das könnte man doch nur behaupten, wenn Descartes, Newton, Smith etwa Juden gewesen wären, denn der einzige Spindler, den Hurwicz nennt, ist nur ein Beispiel eines individuellemotionalen Systems, das die Einheit der Welt und Gottes mit den Mitteln des klassisch-europäischen Rationalismus und Scholastizismus zu beweisen sucht und einen völlig unjüdischen Pantheismus begründet. — Ricardo und Marx, „die die politische Ökonomie zu einer strengmathematischen Gesetzeswissenschaft machen" (Hurwicz), stehen sie nicht in der Reihe westeuropäisch-rationalistischer oder positivistischer Ökonomen, was ist jüdisch bei ihnen außer Ethos und Pathos? Ist denn der „Geist" des Kapitalismus und Sozialismus mit seiner eigentümlichen Arbeits- und Berufsmoral, sowie der Rationalisierung der Wirtschaftstechnik auf das Alte Testament oder den Talmud zu begründen? Ebenso einseitig wie bei der Philosophie und Wissenschaft geht Hurwicz bei der Politik nur auf die „dekomponierende Wirkung der Juden in der Weltgeschichte" (Mommsen) ein. Er sieht sie als eine Anwendung des abstrakt-formalen, rationalen Geistes auf Verhältnisse und Zustände, in denen der Jude nicht verwurzelt ist. Schon Renan hat Mommsens Anschauung vervollständigt und das Streben des Juden nach sozialer Gerechtigkeit hervorgehoben. Eine derartige soziale Ethik kann von dem irrationalen Pathos der Religion getragen werden, und das Naturrecht ist bis in seine letzten Ausprägungen, Demokratie und Pazifismus, religiös begründet worden. Es ist, wie gesagt, die messianischteleologische Richtung des jüdischen Geistes, die ihn über alle nationalen und sozialen Formen hinausdrängt. Der Irrationalismus der modernen Lebensmetaphysik und Gesellschaftsethik entstammt nicht einem abstrakten, weltfernen oder weltlosen Geist, sondern gerade einem Geiste, der in der Welt und im Menschen sich verwirklichen will. In einem Aufsatz in den „Neuen jüdischen Monatsheften" (III. Jahrgang, Heft 3—5)'- »Der Dualismus der Judenfrage" gibt Hurwicz weitere Darlegungen über den rationalistischen Charakter des Juden. Indem er ganz richtig orientalich und ostasiatisch trennt, sieht er nur in der rein transzendenten Religiosität der Weltverneinung oder -Verleugnung „Mystik". Allerdings besteht für Juden wie Deutsche ein anderes Verhältnis von Ich und Welt, Geist und Wirklichkeit, vor allem aber von Sein und Werden. Die orientalische Mystik und ihr europäischer Ableger bleiben, nicht bei der Transzendenz, sondern haben einen Weg von Gott zur Gemeinschaft zurück. Welt, Werden, Wirklichkeit machen das Wesen aus, darum wendet sich der Geist auch nicht von der Welt ab, sondern wendet sich ihr zu. Die Mystik wird auf der Umkehr Ethik. Die Mystik ist stets individual, und so ist denn auch die Umkehr zum „Dienste" aus der „Inbrunst" nur dem Einzelnen gegeben. Das Ethisch-Rationale ist beim Juden letzten Endes aus dem Mystischen gebürtig. Die Mystik ist gleich stark wie die rationale Scholastik ausgebildet. Wenn die notwendig stärkere Ausbildung intellektueller Fähigkeiten in der Diaspora nach außen und in der Fremde das Bild des jüdischen Rationalisten ergab, so ist es ein Irrtum. Die ganze Intelligenz des Ghettos war nur auf die Abwehr bedacht und mit einer (nur noch Deutschen und Russen eigenen) Fähigkeit des Leidens und Insichtuns ist die Welt durch den Verstand abgewertet worden. Mit dem Intellekt hat der Jude sich die Macht, ideell und materiell, verschafft, die äußeren Verhältnisse von seiner Seele fernzuhalten und hat im souterrain und jardin secret sein eigentlichstes Leben gelebt. Dieses Doppelleben des Ahasver hat Stifter meisterhaft in seinem „Abdias" geschildert; Abdias hat in der Wüste eine Heimstätte, Frau und Kind sind in dieser kostbar ausgestatteten Höhle geborgen, und er selbst zieht hinaus, um das Leben seiner Familie zu sichern und aus der feindlichen Welt in die Ruhe und Innerlichkeit zurückzukehren. Nur daß in dieser Novelle vom Schicksal des Einzeljuden das Wesentlichste fehlt, sein Verhältnis zu Gott, worin der Jude allein wesensbestimmt ist. Infolge der mystisch-ethischen Gerichtetheit bedeutet dem Juden die „Welt", alle Form und .Institution, aller Ritus und Lebensstil nur den vorläufigen Weg, nur Durchgang und Mittel. Wie der Deutsche ist er völlig auf sich gestellt in der Welt und hat nur religiös Gemeinschaft und Heimat; nur im Unsichtbaren ist er zuhause und lebt stets in der Zerstreuung und unterwegs. So daß er der Welt gegenüber als der Einzelne und Geist mit Protest, Kritik und Revolte antwortet. Der Jude hat kein Volk und kein Land wie andere; Zion ist das Symbol der Stätte, wo sich der Geist Gottes niederließ, den Bund mit den Einzelnen zu stiften, die über dem Abfall der Menge allein als Gottträger durch die Geschichte gehen und die Tafeln des religiösen Gesetzes gegen die fremden Kulturen aufrichten, Gottfried Salomon