Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Kritik des Judentums
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 249 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Völkerpsychologie beschaffenheit und Lebensweise mitbestimmt, jedenfalls aber die psychische Anlage und die historischen Schicksale wesentlicher an der Bildung eines Vclkstyps beteiligt sind. — Den beliebten Parallelismus von Landschaft und Seele verweist Hurwicz in das Reich scheingeistiger Hypothesen und führt als Beispiele an: Renan erklärte den Monotheismus aus dem Aspekt der Wüste, der wohl für die Unendlichkeit, aber nicht für die Persönlichkeit des mosaischen und mohammedanischen Gottes Bedeutung haben könnte. Sombart hat einen optisch-psychologischen Parallelismus aufgestellt, bei dem er das abstrakt-rationale Wesen und die Wüste, den anschaulich-verträumten Sinn und den Wald einander zucrdnet und ausführt: „Die scharfen Konturen heißer, trockener Länder, die grellen Sonnenfiecke neben den tiefen Schlagschatten, die hellen Sternennächte, die erstarrte Natur: alles dieses läßt sich wohl bildlich in das eine Wort des „ Abstrakten'* zusammenfassen, dem das „konkrete" Wesen des Nordens, wo das Wasser reichlich fließt, gegenübertritt: die Verschiedenheit aller Umgebung, die Lebendigkeit der Natur in Wald und Feld, die dampfende Scholle ... Ist es ein Zufall, daß Astronomie und Zählkunst in den heißen Ländern mit den ewig-klaren Nächten entstanden sind? . . . Lassen sich hier nicht Zusammenhänge denken zwischen dem abstrakt-verstandeshaften Wesen der Juden und dem anschauend-verträumten Sinn des nordischen Menschen?" („Die Juden und das Wirtschaftsleben", S. 421.) Obwohl Hurwicz selbst das Wesen des Juden als rationalistisch erklärt, weist er doch eine derartig billige Begründung ab und fragt: „Wie kommt es nur, daß man aus der ,abstrakten* Monotonie der Steppe (in Rußland) nicht den rationalistischen, sondern gerade den »verträumten Sinn* der Bewohner abgeleitet hat (Leroy- Beaulieu)? Und zeigen nicht die Franzosen, trotz des reichlich fließenden Wassers usw. eine unverkennbare Neigung zum rationalen Denken und eine unbestrittene mathematische Begabung?" Wenn Leger die Steppe autokratisch nennt, weil sie die Vereinigung besiegter Völker unter einen Herrscher erleichtere, dagegen Laban den Aristokratismus der Ungarn wie ihren Realismus im Gegensatz zum russischen Illusionismus hervorhebt, den wieder Leroy-Beaulieu aus der Steppeerklärt, was ist auf derart schöngeistige Vagheiten zu geben? Eine Erklärung der Juden, die über die ganze Welt verstreut sind, scheint vollends auf dieser Grundlage unmöglich; aus der palästinensischen Landschaft oder der babylonischen Flußebene läßt sich nichts über das Volk des Alten Testaments und 249 Talmud sagen, zumal der Zusammenhang des Diasporajuden mit dem von Max Weber fälschlich „antikes Judentum" benannten Typus unbestimmt und unklar ist. Können wir überhaupt wissen, was am Bilde des historischen und präsenten Juden seinem ursprünglichen Typus angehört, da der Zusammenhang wesentlich der durch die religiöse Gemeinschaft garantierte ist? (Ist der Jude ein „rassenreines" Urvolk, überhaupt „Rasse", unvermischt und somatisch direkt ableitbar?) Die Juden in Spanien oder Polen, die Karäer und die deutschen Ghettojuden, können sie überhaupt geographisch-physikalisch erklärt werden? Daß die historischen Schicksale und psychischen Anlagen das Entscheidende bei der Typbildung sind, zeigt sich am deutlichsten bei den Juden, die als Volk nur eine Erlebnis- und Überlieferungsgemeinschaft bilden. Psychologie und Völkerpsychologie stellen die Frage nach dem Verhältnis von Anlage und Geschichte voran. Die Anlage des Juden nun sieht Hurwicz in dem Vorwiegen des Intellekts und seine Geschichte also in der Entwicklung der aus dem Intellekt gebürtigen Gesetzesherrschaft. Ist denn eine Anlage wesentlich und hinreichend als intellektuell charakterisierbar? Ist der Intellekt denn Element oder nicht vielmehr nur ein Instrument der Seele? — Hurwicz sieht den Monotheismus, der Gehalt und Gestalt des jüdischen Geistes bestimmt, als souveräne und absolute Gesetzesherrschaft, als Nomokratie. Erst das Christentum bedeute die vereinzelt gebliebene Auflehnung des Judentums zugunsten der Freiheit des Geistes; da Hurwicz unter Christentum nicht die Kirche, sondern die Urgemeinde versteht, ist die Frage am Platze: Ist die Urgemeinde nicht selbst von Anfang an eine neue Form der Theo- und Nomokratie? Und weiter: Hsben die Essäer u. a. keine Nachfolger? Ist im Christentum gleichsam eine jüdische Sektenbewegung und sind die Ketzer und Reformatoren Empörer zugunsten der Freiheit vom oder zum jüdischen Geiste? Hurwicz nimmt den Talmud wesentlicher für die Bestimmung des jüdischen Geistes als die Thora. Aber haben nicht die Propheten als Verkünder des Monotheismus Theo- und Nomokratie wie den Messianismus ausgebildet? Ist die Gesetzesherrschaft, wie sie im Talmud aufgezeichnet vorliegt, nicht die Verteidigung eines heiligen Besitzes mit den Waffen der Feinde, der religio durch die ratio, der Mystik durch die Scholastik und wie die katholische Kirche Ausdruck der Verzögerung des Messias? Das konservative Gesetz für Ritus und Kultus ist als Norm und Form des Lebens doch der „Zaun" nach außen, und die Rabbiner sind nur Lehrer und Ausleger