Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Kritik des Judentums
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 248 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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248 Umschau: Völkerpsychologie FORSCHUNG UND ERKENNTNIS VÖLKERPSYCHOLOGIE Zur Kritik des Judentums Einen stetigen Anlaß, über die Problematik der Völkerpsychologie nachzudenken, gab der Weltkrieg, in dem die monadenhafte Abgeschlossenheit der Völker erschreckend zutage trat. Die Annahme einer allgemeinen und unbedingten Vernunft, eines Kanons einheitlichkultureller Verständigung innerhalb Europas, erwies sich als Aufklärungsirrtum. (Die Sprachenverwirrung und Vielgötterei, das Stadium der Völker als Grundeinheiten der Geschichte und Ausdruck einer Krisis des Geistes dauert an seit dem Turmbau von Babel. Noch ist die Einheit der Menschheit nicht in einer obersten Einheit des Geistes wiedergefunden.) Wenn heute in Deutschland und von einem Russen ein Buch über „die Seelen der Völker"*) herauskommt, so ist es aus dem Bedürfnis nach Verständigung zu erklären, da gerade Deutsche und Russen den „guten Europäern*' des Westens wie eine vorzeitliche, halbasiatische Legende erscheinen. Ihre Formlosigkeit, ihr Leben, das nicht in allgemeinen Formen, sondern in Personen sich ausdrückt, bildet gegenüber der rationalen Kultur des Westens (wie die Germanen und Hunnen für Rom) eine barbarische Gefahr. Hurwicz macht einen bedeutsamen Wiederanfang der Völkerpsychologie, indem er gegen die bloßen Gefühlsurteile aus der kriegerischseelischen Haltung der Völker vorgeht und in einer geschickten Zusammenstellung das ungenügende Material kritisch sichtet. Indem alle wissenschaftliche Völkerpsychologie die „Seelentäuschungen" durch Selbstbesinnung zu überwinden sucht, ist sie ein Ausdruck des Glaubens an die Vernunft und aufklärerischer Abstammung. Die Völkerpsychologie von Steinthal bis Wundt hatte im Geiste der Aufklärung die allgemeinmenschlichen in den volksverschiedenen Erscheinungen hervorgehoben und einen Begriff „Volksindividualität", der bloß ethnologisch war. Diese „psychologische Ethnologie" wollte zu einer allgemeinen Psychologie der Sprache, des Mythos, der Kunst, des Rechts kommen und allgemeine Entwicklungsgesetze für alle Völker geben. Hurwicz will Volksgeist und Volksseele als „ein lebendiges System fluktuierender Ele- *) Elias Hurwicz: „Die Seelen der Völker." Verlag F. A. Perthes, Gotha. mente" begreifen und „das Gesetz dieser dynamischen Einheiten" aufsuchen, also nimmt er Hegels Volksgeist und die Geschichtsgesetzlichkeit Comtes zusammen. Indem er die seelische Volkseinheit in der Mannigfaltigkeit ihrer Kundgebungen nicht als Identität, sondern als durch Koexistenz bedingte Einheit sieht, bleiben die Volksindividualitäten (im Sinne des Idealismus) bestehen. „Die intersubjektive Substanz" (Simmel) und „das Gesetz der schöpferischen Resultanten" (Wundt) (d. h. ein aus einer Anzahl von Elementen entstandenes Produkt ist mehr als die Summe seiner Elemente) lassen die Annahme der Kollektivpsyche gesichert erscheinen, ohne die individuellen Verschiedenheiten zu leugnen. Seit man eine Kollektivpsyche für Klassen, Berufe usw. angenommen hat, sind auch die Einwände gegen die kollektive Volksseele hinfällig. Die Einheit „Volksseele" äußert sich in allen Formen, Institutionen, Stilen, so daß Zarismus und Bolschewismus, »►Militarismus und Sozialismus, Rabbinismus und Händlertum als zusammengehörig empfunden werden. (Seit der Zusammenhang von somatischen Merkmalen und charakterologischen Eigenschaften von der wissenschaftlichen Anthropologie als unbeweisbar aufgegeben worden ist, kann der Begriff „Rasse" keine Verwendung mehr finden. Rassen gehören der Natursphäre Mensch, der Vorgeschichte an, in der Geschichte kann nur von Völkern und ihren Kulturformen die Rede sein. Eine „Rassenseele" anzunehmen, ist Tendenzmythoiogie und archaistische Gefühlsromantik.) Nicht die Aufklärungsmethode der abstraktrationalen Verallgemeinerung, sondern nur die idealistisch-kritische Methode, die die individuellen Verschiedenheiten unter einer kollektiven Einheit begreift und bestehen läßt, ist in der Völkerpsychologie anwendbar. Darum ist Sombarts Versuch zu verwerfen, durch Herauslösung 'einzelner Merkmale eine Massenstatistik der Völker zu geben; er gibt selbst zu, daß sein „Typus" Jude kein lebendiger, sondern ein abstrakter Mensch ist, erst recht ist bei der Gruppe an der realen Identität der für die verschiedenen Individuen gleichen Eigenschaften und deren Summierbarkeit zu zweifeln. Die Volksseele steht unter Einflüssen, von denen zunächst die physikalisch-geographischen zu beachten sind. Hegels Maxime, die Natur nicht zu hoch und nicht zu niedrig anzuschlagen, gilt, insofern z. B. das Klima wohl die Körper-