Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Religiöses Leben
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 245 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau: Religiöses Leben 245 über diese Tatsache hinwegzusehen. Die Tatsache, daß gerade die jüdische religiöse Anschauung die Freiheit des Menschen bejaht, daß sie durch seine Tat die Welt des Guten gemehrt werden läßt im Gegensatz zu der radikalen christlichen Gnadenlehre, läßt eine jüdische Religiosität nicht denkbar erscheinen, die nicht aus dem Innersten der Seele, aus der äußersten Anspannung der Seelenkräfte ihre stets neue Verwirklichung schöpft. Dazu gehört aber auch eine Bejahung der Wirklichkeit; es geht nicht an, über die Bedingungen und Tatsachen des Lebens hinwegzusehen, sondern die Aufgabe ist eben die offene Auseinandersetzung und die Bewältigung der hieraus fließenden Probleme. Darum betont die misrachistische Jugend, als deren Sprecher auf dem deutschen Delegiertentag in einem zweiten Referat auch Dr. Knoller auftrat, die Notwendigkeit, den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft ebenso wie den Tatsachen der modernen, auch bei den Juden vorgeschrittenen Geistesentwicklung standzuhalten, statt sich die Augen zuzuhalten. Eine wirkliche Religiosität hat eben vor allem eine innere Voraussetzung: die unbedingte Ehrlichkeit. In einem auch für diesen Gedankengang wichtigen Aufsatz „Für die religiöse Freiheit" schreibt der gegenwärtige Präsident der tschechoslowakischen Republik, der Philosoph Professor Masaryk (in deutscher Übersetzung erschienen im Aprilheft der Münchener Zeitschrift „Der neue Merkur"): „Die heutige religiöse Krise ist eine Folge der Lüge, die religiöse Frage ist heute vor allem die Frage der Ehrlichkeit." Die Auseinandersetzung mit der Tradition und der starren Gesetzestreue ist unvermeidlich, wenn das neue Leben in Palästina beginnt. Dieser Kampf wird schwerer und schmerzensreicher sein, als die anderen Geburtswehen des neuen Jischuw, weil es hier um Dinge geht, die bislang die Substanz des Judentums ausgemacht haben. Schon jetzt, wo wir in den ersten Anfängen stehen, entzündet sich der erbitterte Streit bei jedem Anlaß. Jede Maßregel des politischen und öffentlichen Lebens stößt auf den Widerstand der Orthodoxie. Besonders beikel ist dabei die Stellung der zionistischen Verwaltungsbehörden, die zwar auf weltlichem Standpunkt stehen, trotzdem aber der orthodoxen Strömung Rechnung tragen möchten. Der erste große Streit ergab sich bei der Ausschreibung der Wahlen für die jüdische Delegiertenversammlung Palästinas. Das vom provisorischen Exekutivkomitee ausgearbeitete Statut hat in Übereinstimmung mit allen Wahlordnungen der demokratischen Welt auch den Frauen das Wahlrecht gegeben. Dies widerspricht nach Anschauung einer Anzahl orthodoxer Führer dem Religionsgesetz. Zwar sind auch darüber die Ansichten geteilt, viele rabbinische und talmudische Autoritäten haben sich für die Zulässigkeit des Frauenwahlrechts ausgesprochen (z. B. Chaim Tschernowitz im „Haolam"). Dennoch hat die reaktionäre Strömung gesiegt, und unter ihrem Terror mußten die Wahlen auch zunächst aufgeschoben werden, da die zionistische Leitung Bedenken trug, den weltlichen Standpunkt durchzusetzen. Im April wurden nun doch die Wahlen vorgenommen; dabei kam es zu sehr scharfen Kämpfen, die vielleicht noch schärfere Formen angenommen hätten, wenn nicht das Interesse des Jischuw durch den Pogrom von Jerusalem überhaupt von der Wahlbewegung etwas abgelenkt worden wäre. Immerhin hat eine Rabbinerversammlung die Anteilnahme an den Wahlen, die der fortschrittlichen palästinensischen Bevölkerung als der erste Schritt zur politischen Mündigkeit des Jischuw besonders wichtig sind, verboten; ein liberales Jerusalemer Blatt sagt in einer Besprechung dieses Beschlusses, daß die Thora darüber geweint habe. Während der Wahlen haben die Orthodoxen versucht, die ihnen nahestehenden Elemente mit allen Mitteln von der Beteiligung abzuhalten, und schließlich ein eigenes „rituelles" Wahl verfahren veranstaltet, das natürlich für die offiziellen Wahlen ungültig ist. — Ein anderer Konflikt ergab sich bei Einrichtung der Friedensgerichte, die allgemein als vorzügliche Institution und als Segen für die jüdische Bevölkerung anerkannt sind und sogar von der englischen Regierung die Vollstreckbarkeit der Urteile zuerkannt erhalten haben; die Orthodoxen haben Kompetenzkonflikte zwischen den Friedensgerichten und dem rabbinischen Beth Din geltend gemacht und die weltlichen Gerichte verfemt. Der Hauptkampf geht aber natürlich um die Schule. In dieser Frage hat auch der Misrachi auf seiner Amsterdamer Weltkonferenz eine zweideutige Haltung eingenommen, indem er eine strenge Separation des orthodoxen Schulwesens verlangte und sogar mit der antizionistischen Orthodoxie Verhandlungen über ein gemeinsames Vorgehen anknüpfte. Im übrigen dürfte dieser Gegenstand in der Erziehungsrubrik besprochen werden. Wichtiger vielleicht als diese Kämpfe mehr kulturpolitischen Charakters ist ein Ereignis, das anläßlich der Jerusalemer Ausschreitungen vorfiel. Das Unheil des Jerusalemer Osterpogroms hat die palästinensische Judenheit ganz tief, im geheimsten und empfindlichsten Winkel ihres Herzens getroffen. Dieser Zustand seelischer Gebrochenheit, verbunden mit einer Entschlossenheit bis zum letzten, der damals dort geherrscht haben mag, ist von ferne kaum vorstellbar.