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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 244

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Religiöses Leben
Date
1920-01-01
Page
244 (sequence 3)
Language
German
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244 Umschau: Religiöses Leben der Befreiung des Volkes, die Orthodoxie glückli ch so weit ist, auch vor dem eigenen jüdischen Leben Angst zu haben. Es soll um keinen Preis ein frischer Luftzug in das alte Gebäude hereingelassen werden, das vertrocknete Gebäude muß zerfallen. Mit Religion hat dies freilich nichts mehr zu tun. Ganz andere Perspektiven aber ergeben sich, wenn eine Generation, die in der strengen Erfüllung der Tradition erzogen wurde, das Ereignis der Rückkehr des Volkes in sein Land auch vom religiösen Standpunkt als Überwindung der Unzulänglichkeiten der Galuth zu empfinden beginnt. Diese Entwicklung scheint sich in einem Teil des traditionstreuen Judentums anzubahnen, das vom nationalen Gedanken erfaßt ist. Der IVfisrachi, ursprünglich nur Kompromiß, Addition von zionistisch-politischem Programm und religiösorthodoxer Weltanschauung, beginnt sich zu einer Synthese durchzuringen, welche durch eine Erschütterung der religiösen Starrheit und eine Überwindung des nationalen Formalismus eine Weltanschauung schafft, die fruchtbare Lebenskeime enthält. Diese Entwicklung scheint in einem großen Teil der nationalgesinnten religiösen Massen des Ostens unbewußt vor sich zu gehen, findet aber ihren bewußtesten Ausdruck in den Kämpfen, die sich gegenwärtig in der deutschen Landesorganisation des Misrachi abspielen. Während die ältere Generation noch den alten Standpunkt des unorganischen Nebeneinander von Zionismus und Gesetzestreue vertritt, kämpft die Jugend für eine Weltanschauung, die die Wiedergeburt des Volkes als einen Prozeß der Umbildung des ganzen Lebens durch die Weckung neuer schöpferischer Kräfte versteht. Die Rückkehr nach Erez Israel schafft nach ihrer Anschauung für das thoratreue Judentum eine neue Situation. Der letzte Delegiertentag des deutschen Misrachi Ende April dieses Jahres, der ganz im Zeichen dieser Kämpfe stand, hat zur Kulturfrage eine Resolution angenommen, die außerordentlich symptomatisch ist. Die Resolution hat folgenden Wortlaut: „Die Kultur des Judentums ist eine nationalreligiöse. Im Mittelpunkt des Thoragesetzes steht das jüdische Volk unddas jüdische Land. — Das Exil hat das Land, die Assimilation hat das Volk aus seiner zentralen Lage verdrängt. Die Rücksicht auf die Galuthverhältnisse erschwert das volle Erleben und Ausüben des göttlichen Thoragesetzes. Die kulturelle Tendenz des Misrachi ist, dort anzuknüpfen, wo das Exil das Band zwischen Volk und Land z er rissen hat, und diesen beiden Faktoren wieder ihre überragende Bedeutung zu verschaffen, um die volle jüdische Einheit herbeizuführen." In dieser Resolution ist implicite das Werk der Galuth negiert. Es ist ein Neues in der Geschichte der Orthodoxie, daß in dieser Weise das Prinzip der organischen Entwicklung, die zwar von der festgehaltenen Tradition ausgeht, aber über sie hinaus zu aus neuem religiösen Erleben gestaltetem Werk fortschreitet, angenommen wird. Diese Richtung wurde vertreten vor allem von Dr. Rabin, der in seinem grundlegenden Referat die Begriffe der Tradition und der Entwicklung gegeneinander abgrenzte. „Wenn wir die Tradition nicht als etwas im mechanischen Sinne Starres annehmen, wenn wir die Tradition nicht als eine Last auffassen, die wir zu tragen haben, indem der Träger und die Last zwei verschiedene Dinge sind, wenn wir die Thora nicht als Last, sondern als unseren eigentlichen Lebensodem auffassen, ist diese Tradition nicht anders möglich als in der Entwicklung begriffen. -Entwickeln heißt nicht etwas Neues heraussuchen, entwickeln im eigentlichen Sinne ist ein Wachsen von innen heraus, ein Wachsen, eine Fortentwicklung der Kräfte, die bereits im Keime vorhanden sind, die bereits ganz drinnen liegen. Und Entwicklung fordert Bedingungen.... Die Lebensbedingungen für unsere jüdische Lehre aber sind uns an dem Tage gemindert wenigstens, an dem wir den Zusammenhang mit unserm Lande verloren haben." Dr. Rabin führt in seinem Referat selbst eine Reihe von Zitaten aus dem jüdischen Schrifttum an, die beweisen, daß die Tradition und das Gesetz nicht als etwas Starres und Fertiges zu verstehen sind, sondern ewig der Erneuerung bedürftig. So wie Abraham schon in sich den Drang hatte, das zu verwirklichen, was zur Annäherung an Gott notwendig ist, also schon die ganze Thora aus der Forderung seines Lebens hätte vollziehen können, so kann auch der letzte Schüler, der mit ganzem jüdischen Geist erfüllt ist, Neues hinzufügen, denn jede solche Erneuerung ist nur Wiedergeburt des Alten, Einen. Diese Erkenntnis eben ist das eigentlich Bewegende in der Geschichte der Religionen, das Bewußtsein der schöpferischen Freiheit, das Beunruhigende, Erschütternde, den Menschen zutiefst Aufwühlende, das zu überwinden die Kirchen aller Konfessionen stets allzu bereit waren. Der Grundsatz der organischen Entwicklung, die eine Erneuerung ist, birgt in sich das Problem der religiösen Freiheit, die immer vorhanden ist, weil keine noch so genaue Lebensvorschrift für alle konkreten Situationen des vielfältigen Lebens Vorsorgen kann. Auch der gesetzestreueste Jude steht immer vor der Entscheidung; und nur wenn das Leben in ihm verkümmert ist, vermag er

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