Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 246

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Religiöses Leben
Date
1920-01-01
Page
246 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101168-3105435--4084-3105508
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

246 Umschau: Berichte von jüdischer Erziehung Aber ein Symptom dieser seelischen Verfassung ist jenes scheinbar unbedeutende Ereignis, auf das ich hier anspiele: als Jabotinsky und andere Führer der Jüdischen Selbstwehr verhaftet und in den Kerker geworfen worden sind, weil sie jüdisches Leben gegen Mördertum schützen wollten, da hat der ganze Jischuw sich mit den Verhafteten solidarisch erklärt, und alle, jeder einzelne jüdische Mensch Palästinas, wollte mit vor Gericht gestellt werden. Radikale und Orthodoxe waren einig. Und da ereignete sich das Unerhörte, daß die SoÜdaritätserklärung, die der Regierung überreicht werden sollte, am Sabbat in den Synagogen zirkulierte und dort unterschrieben wurde. Der Großrabbiner Kuk, der Führer der Orthodoxie, hat selbst das Schreiben erlaubt. Denn man fühlte: an diesem Tag ging etwas vor, was ein Novum bedeutet, für diesen Tag gilt das Gesetz nicht, es ist Gottes Wille, daß für diese Handlung das Gesetz aufgehoben werde. Nicht leichtfertigen Herzens, sondern im Bewußtsein der ungeheuren Schwere dieses Schrittes haben diese Menschea in der Stimmung der höchsten Not Gottes Gesetz erneuert. Aus der Unerbittlichkeit des Lebens strömt neues religiöses Gebot. Das Leben des Volkes steht höher als das formale Gesetz. Robert Weltsch BERICHTE VON JÜDISCHER ERZIEHUNG Ein hebräisches Gymnasium im Galuth Es war kurz nach der Erklärung Balfours. Ich hatte damals Gelegenheit, einen bekannten Führer der deutschen Zionisten zu sprechen, der trotz der allgemeinen Begeisterung ziemlich verstimmt zu sein schien. Als ich ihn nach der Ursache fragte, erwiderte er mit einer abwinkenden Geste: „Dieses Geschenk — Gott weiß, ob es nicht dazu beitragen wird, unsere Machtlosigkeit noch krasser zu unterstreichen! — Kräfte, Kräfte, auf die kommt es jetzt an, aber werden wir sie finden?" Neben der Erklärung Balfours brachte uns der sonst so traurige Krieg auch ein zweites Geschenk — die Hoffnung auf Anerkennung unserer nationalen Kulturrechte als Minderheit. Insbesondere gilt das in bezug auf die sogenannten Randstaaten. Aber um mit dem Zionistenführer zu sprechen — würde uns diese so lang ersehnte kulturelle Autonomie nicht in Verlegenheit setzen? Werden wir die entsprechenden Mittel, sie auszuüben, finden? Es nimmt wunder, wie wenig Aufmerksamkeit diese zweite, kulturelle Seite unserer nationalen Aufbautätigkeit — im Vergleich zur politischen — bei Presse und Publikum findet. Selbst die Erziehung der heranwachsenden Galuthjugend und die dazu dienenden Organe, die aufkeimenden hebräischen Bildungsanstalten, finden da nur ein spärliches Echo, von Unterstützung ganz zu schweigen! Dies fällt besonders auf, zieht man Vergleiche zu jener Wärme (sie dürfte wohl noch in aller Erinnerung sein), mit der das Jaffaer Gymnasium aufgenommen wurde. Wieviel Aufmerksamkeit schenkte man da jeder Kleinigkeit! Und mit Recht: das palästinensische Gymnasium war nicht nur Symbol! — es war ja auch Anfang! Anfang einer neuen Kultursaat, wie sie eine höhere Schule überhaupt und bei uns Juden, den besonderen Umständen zufolge, ganz besonders ist. Aber gilt nicht dasselbe für die wenigen hie und da entstandenen hebräischen Gymnasien des Galuths? Wer will hier entscheiden, ob ihre Rolle für die nahe Volkszukunft eine geringere sei, als die ihrer berühmten Schwestern in Erez-Israel? Handelt es sich doch nicht mehr um Sprachschulen vom altbekannten Iwrit-beiwrit-Typus, sondern um Kulturburgen menschlichen Denkens, Fühlens und Strebens in nationalhebräischer Prägung. Aber auch ihre Bedeutung als Reserven des so notwendigen hebräischen Menschenmaterials für ein hebräisches Palästina ist nicht gering einzuschätzen. Und vor allem: die hebräischen Gymnasien sollen ja die Träger unserer Nationalautonomie sein, ein Teil der realen Tatsachen, auf die sich diese stützt und aus denen sie ihre Existenzberechtigung schöpft. — „Aber werden wir denn Kräfte genug finden?" Glücklicherweise hat die Wirklichkeit bereits mit einem „Ja" geantwortet, und die folgenden Zeilen sollen dazu dienen, eines dieser wenigen und ersten Gymnasien im Galuth zu schildern, das Gymnasium zu Wirballen, das dank der energischen und musterhaften Leitung des Herrn Dr. J. Robinson zu einer Art litauischer Berühmtheit wurde. Wirballen selbst ist eines jener wenigen litauischen Städtchen, in denen' noch das jüdische 19. Jahrhundert mit all seinen Epochen in lebendigen Denkmälern vertreten ist. Gar manches Haus hat hier eine „Größe in Israel" beherbergt, und zahlreich sind die Spuren, die von hier aus zur jüdischen Renaissance führen — von der alten Haskalah bis zur modernen Gegenwart, von den Anfängen hebräischer Publizistik im Hamagid bis zu Namen wie Ben- Awigdor, S. A. Gordon, Jehoasch.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.