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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 243

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Religiöses Leben
Date
1920-01-01
Page
243 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Religiöses Leben 243 Erneuerung, die gleichzeitig eine Absage an das Alte ist, also adäquat jenem menschlichen Vorgang, der als das zentrale religiöse Ereignis die Umkehr genannt wird. Heute schon fühlen die Geistigen aller Völker, daß das Problem der Zeit ein religiöses ist, daß die Krise der Zeit eine religiöse ist, und wenn auch diese Erkenntnis bei der dekadenten Intelligenz einer Spätkultur nur eine Geste der Resignation auszulösen vermag und in Literatur zu verebben droht, so ist doch auch schon ein Anzeichen des Erwachens eines neuen Glaubens über der Todesgewißheit dieses Zeitalters gegeben. Es ist merkwürdig, daß gerade wir Juden zwar die Schwingungen des Geistes besonders fein empfinden, auch einen nicht geringen Prozentsatz zu dem Kreis der titerarischen Gottsucher stellen, aber dennoch als Ganzes diese religiöse Krise weniger stark empfinden, besonders innerhalb des national erwachenden Judentums. Merkwürdig vor allem darum, weil die Absage an das^ alte jüdische Dasein zugleich die Kritik eines Gemeinschaftslebens voraussetzt, das sich selbst als religiöses bezeichnet hat. Die nationale Bewegung hat auf die Judenfrage in gewissem Sinn eine ausweichende Antwort gegeben; sie setzte das Nationale als das Neue neben das schon Bestehende und vermied auf diese Weise die Auseinandersetzung mit diesem. Dies war für den Zionismus möglich, solange er eine rein politische Bewegung war und seine Entscheidungen sich auf Kongressen und Versammlungen vollzogen; es ist in dem Augenblick unmöglich, da die Gesamtheit der Zionisten zu der Erkenntnis kommen muß, daß die wirklichen Entscheidungen sich im Leben vollziehen, in dem Augenblick, wo das Leben selbst anhebt. Die alten Formen des religiösen Gemeinschaftslebens sind Produkte der Entartung, die eine Folge einerseits der unlebendigen, geistverlassenen Tradition, andrerseits der Aufklärung ist. Unsere modernen Gemeinden mit ihrem verschwommenen Gemisch einer sentimentalen Patriarchalik und einer salbungsvollen, mit Wohltäterei aufgeputzten Eitelkeit, unsere modernen Synagogen niit all dem Unfug theatralischer Andachtslosigkeit, die Zerrüttung jedes wirklichen Empfindens für geistiges Führertum und deren Sanktionierung durch die Degradierung der Rabbiner zu besoldeten, abhängigen Gemeindebeamten sind so recht Symptome dieses Verfalls, dessen Kraftlosigkeit so weit geht, daß er nicht einmal mehr eine ernstliche Opposition zu erwecken vermag, — während sonst in Perioden der Erstarrung, die noch irgendeine Kraftfülle haben, wenigstens ein Ketzertum da ist, das selbst die Flammen des religiösen Lebens wieder entfacht. Wenn wir die Hoffnung haben, daß Palästina die Verwirklichung Zions sein wird, daß es nicht nur eine Kolonie des europäisch-jüdischen Kommerzialismus, sondern eine Stätte wirklich ursprünglichen und einheitlichen Lebens sein wird, dann müssen wir auch hoffen, daß in Palästina wieder religiöses Leben entstehen wird. Vielleicht kommt dann doch das Bewußtsein zurück, daß Religion eine lebensbestimmende Macht ist, deren Wesen darin liegt, daß sie die Totalität des Lebens umfaßt. Es kann nicht zwei geschiedene Lebensbezirke geben, deren einer einer religiösen Regelung unterliegt, während der andere von Religion frei ist. Religion kann nicht in einigen Stunden des Tages und auch nicht an einzelnen Feiertagen erledigt werden. Zu völliger Paradoxie und Verzerrung ist dieses Verhältnis in der Galuth gediehen, wo die Scheidung in jüdische und nichtjüdische Welt gleichzeitig die Abgrenzung der inneren Einflußsphäre der Religion bedeutet hat, während ein System von das ganze Leben durchziehenden Formen darüber hinwegtäuschen sollte. Dieses Grundübel der Galuth soll in Palästina beseitigt werden. Das Leben des Juden wird nicht mehr in zwei Welten zerrissen sein. Nun erst wird sich zeigen und bewähren können, ob der Geist das ganze Leben gestaltet, ob das Erwachen der jüdischen Seele eine neue Einstellung zum Menschen, zum Kosmos und zu Gott schafft, die wirkliche seelische Voraussetzung für den Aufbau einer Kultur. Wir wissen, daß das Problem im Erdenleben ein unlösbares ist, daß stets ein Erdenrest zu tragen peinlich bleibt; aber während für den Ungeistigen und Unreligiösen in seiner Ahnungslosigkeit das ganze Problem zu nichts zusammenschrumpft, wirdfür den Religiösen gerade die Bewältigung dieses Restes die Aufgabe seines Lebens. Gerade sie erscheint ihm — wenn * es erlaubt ist, eine talmudische Legende zu variieren — wie der „hohe Berg", den er zu erklimmen hat, während sie den Unbekümmerten als ein „dünner Faden'* erscheint. Der Begriff der Galuth bekam seine besondere Gefühlsbetonung durch die religiöse Bedeutung. Irgendwie schlummerte im Volke immer das Bewußtsein, daß die Erfüllung des Gottesgesetzes nur im eigenen Lande möglich ist. Erst eine ganz späte Generation der jüdischen Orthodoxie hat sich an Stelle des lebendigen Gesetzes und seiner lebendigen Erfüllung einen Ersatz-Fetischismus zurechtgelegt, dessen erstarrte Formen sie ängstlich hütet. Es ist vielleicht eine Tragik, daß diese Schutzmaßregel zur Bewahrung des untergrabenen Bestandes des Judentums notwendig war; es ist noch tragischer, daß die Abwehr gegen die zersetzende Wirkung des fremden Lebens schließlich auf alles Leben ausgedehnt wurde, und daß heute im Zeitalter 16*

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