Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zionismus und nationale Bewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 241 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Zionismus und nationale Bewegung 241 „demokratischen Fraktion" gegen die „Diktaturgelüste" Herzls gekämpft hat? (und hier war es doch wirklich die Diktatur des großen Mannes!) Ich nehme an, daß Weizmann noch heute auf dem Boden der demokratischen Prinzipien von damals steht. Wie konnte er diesmal einer solchen Regelung zustimmen? Wie konnten es die Delegierten der Jahreskonferenz tun, die doch gewiß alle für Demokratie eintreten? Wie kennten es vor allem die sozialistischen Gruppen? Man darf also nicht annehmen, daß es ein prinzipielles Bekenntnis zur Diktatur gegenüber der Demokratie war, was zu dieser seltsamen Form der Bestimmung der Exekutive greifen ließ. Welche wirklichen Gründe hier entscheidend waren, läßt sich zwar aus den Berichten nicht ersehen; aber nach Mitteilungen von Teilnehmern zu schließen, die übrigens auch der Führer der .polnischen Zionisten, Herr Podiischewski, in der „Hazefirah" öffentlich kundgetan hat, folgte die Jahreskonferenz hier weniger dem Imperative eines Prinzips als demjenigen der amerikanischen Zionisten, d. h. des Herrn Brandeis, der ihr verkörperter Wille ist. Dessen Wahl zum Ehrenpräsidenten deutet auf das Gleiche hin. Man wird zugeben, daß diese Wahl sehr befremdend ist. Seit wann kennt der Zionismus einen Ehrenpräsidenten? Kegelklubs, Literaturkränzchen und Vereine zur Ausstattung armer Bräute kennen diese Institution. Ich wüßte nicht, daß eine große politische internationale Bewegung einen Ehrenpräsidenten hat. Und noch dazu die unsere, die sich doch gern als Vertretung und Verkörperung des gesamten jüdischen Volkes bezeichnet. Also ein Ehrenpräsident des jüdischen Volkes! Man wird zugeben, daß die Jahreskonferenz wirklich nicht die Befugnis hat, eine solche Würde auf Vorschlag des Seniorenkonvents zu verleihen, und wird einsehen, daß hier ein plumper und geschmackloser Mißgriff getan worden ist. Der Mißgriff wird nicht dadurch erträglicher, daß auf Herrn Brandeis diese Wahl gefallen ist. Herr Brandeis ist gewiß eine markante Figur und hat sich gewiß um den amerikanischen Zionismus außerordentliche Verdienste erworben; aber schließlich vergesse man doch nicht, daß er erst seit sieben oder acht Jahren Zionist ist, daß er nach Erziehung, Bildung und Wesensart dem jüdischen Leben und der jüdischen Volksmasse bis dahin durchaus fernstand. Man steigert nicht die Würde des Zionismus, den Respekt des Volkes vor ihm, wenn man einen solchen Mann, der als Mitglied der Exekutive, als Vizepräsident der Organisation freudig begrüßt werden könnte, mit der Würde eines Ehrenpräsidenten der zionistischen Organisation Heft 4. bekleidet. Der Vorgang ist so ungewöhnlich, daß man nicht annehmen kann, keiner von den Delegierten habe Bedenken gegen die Wahl gehabt. Erfolgte sie dennoch, erfolgte sie sogar einstimmig, so kann man darin nur das — nach Ansicht der Jahreskonferenz — wohl unvermeidliche und notwendige Ergebnis einer Zwangslage sehen. Nimmt man noch hinzu, was verschiedentlich gemeldet wird, daß die ganze Form der Bestimmung der Exekutive auf den Wunsch des Herrn Brandeis zurückzuführen ist, dann erst begreift man den Sinn und die Bedeutung des Ganzen. Und das ist nichts Geringeres als die Unterwerfung der zionistischen Organisation unter den Befehl der amerikanischen Zionisten, und da der Zionismus in Amerika in seiner inneren Parteistruktur des unbedingten Gehorsams gegen den „Boß" derjenigen der sonstigen amerikanischen Parteien gleicht, so bedeutet es die Unterwerfung des Zionismus unter den Befehl des Herrn Brandeis. Ein so vorsichtiger und gewiß unrevolutionärer zionistischer Führer wie Herr Pcdüschewski in Warschau hat dies in der „Hazefirah" bereits klagend eingestanden und voller Erbitterung von der unbedingten Oberherrschaft des amerikanischen Zionismus gesprochen, den er einen Business-Zionismus nennt. Begreift man, was das bedeutet? Eine völlige Verschiebung der Struktur, des inneren Schwerpunktes der Organisation; es bedeutet die Vorherrschaft der innerlich ungefestigsten, wenigst entwickelten Landsmannschaft. Denn wozu uns betrügen? Wissen wir nicht, daß der Zionismus in Amerika noch jung ist, noch in seiner nationalen Gesinnung ungefestigt — der Widerstand der amerikanischen Delegierten gegen die nationale Kultur- und Erziehungsarbeit im Galuth beweist es von neuem —, daß er sehr viel an sich hat von der lauten Reklame, von der Demonstrationssucht, von dem Geklingel und Gelärme des amerikanischen Parteiwesens überhaupt, daß er noch nicht die innere Tiefe und Radikalität des östlichen, des mitteleuropäischen Zionismus erlangt hat. Es ist das kein Vorwurf für ihn. Er ist noch jung. Aucji der deutsche, der Österreichische Zionismus war vor 10 und vor 5 Jahren nicht, was er heute ist. Man darf vieles vom amerikanischen Zionismus erwarten; aber er muß noch reifen, sich vertiefen, sich verwurzeln. Innere Prozesse lassen sich nicht vorwegnehmen; sie bedürfen der Zeit und sind unabhängig von der Valuta. Die Valuta aber ist es — seien wir ganz offen — was dem amerikanischen Zionismus seine Vormachtstellung innerhalb der Organisation gibt. Die amerikanischen Delegierten waren 16