Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zionismus und nationale Bewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 240 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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240 Umschau: Zionismus und nationale Bewegung wie in den anderen Grundfragen Palästinas durch die Minorität auf der Jahreskonferenz. Hier, wie in den anderen zentralen Streitfragen des Zionismus, ist die Haltung der Minorität wichtig r, entscheidungsvoller für die weitere Entwicklung als die Stellungnahme der Majorität. Die Minorität wird über die Zukunft der Bewegung und Palästinas entscheiden. Daß sie nicht stark, rücksichtslos aufgetreten ist, und ihrer Aufgabe nicht in vollem Maße gerecht wurde, ist weitaus bedenklicher als die Beschlüsse der Konferenz selbst. Auch hier wird 'der Kongreß das zu leisten haben, was die Jahreskonferenz versäumt hat. Der Kongreß! Damit ist eine andere wichtige Frage des Augenblicks berührt, die die Jahreskonferenz zu lösen hatte. Der Zionismus braucht den Kongreß. Er braucht ihn jetzt nach dem Verlauf der Jahreskonferenz dringender denn je. Die Konferenz hatte die Aufgabe, ihn vorzubereiten, ihn zu fordern, sobald als möglich zu fordern. Sie hat es nicht getan. Sie hat sich die Rechte eines Kongresses beigelegt und den Kongreß selbst für den nächsten Sommer oder Frühherbst fixiert. Das ist zu spät. Vom nächsten Sommer trennt uns noch ein volles Jahr, ein ungeheuer wichtiges und entscheidungsreiches Jahr. Es ist nicht einzusehen, warum man bis zum Herbst 1921 warten muß. Warum läßt sich der Kongreß nicht zum Frühjahr einberufen? Die starke Beteiligung an der Jahreskonferenz — auch vom Osten — hat gezeigt, daß die Paßfrage keine unüberwindlichen Schwierigkeiten mehr bereitet, und die Unterkunftsfrage wird im Herbst nicht leichter zu lösen sein als im Frühjahr. Warum also nochmals die Verschiebung? Und ein anderes noch muß jetzt mit aller Entschiedenheit verlangt werden. Der Kongreß muß in Mittel- oder Osteuropa stattfinden. Keinesfalls in London, aber auch nicht, wie es von der Konferenz als Wunsch geäußert wurde, in Palästina. Ein Kongreß in Palästina ist gewiß sehr schön und verlockend, aber die Reise- und Aufenthaltskosten sind in diesem Falle so erheblich — und werden es auch im nächsten Jahre sein —, daß viele aus diesem Grunde nicht werden teilnehmen können. Und man kann nicht einigen hundert Delegierten die Spesen ersetzen. Also verschiebe man die Verwirklichung des schönen Gedankens auf später und lasse den nächsten Kongreß so schnell als möglich in einer so bequem als möglich gelegenen, so billig als möglich erreichbaren Stadt eines — es ist dies keine Unerheblichkeit nach den bisherigen Erfahrungen aus London — in puncto Einreiseerlaubnis weitgehend toleranten .Staates tagen. Man sage nicht, das halbe Jahr früher oder später sei unerheblich; jeder Monat ist wichtig. Alles im Zionismus drängt nach Klärung, Auseinandersetzung, Entspannung und Entscheidung. Die Jahreskonferenz hat sie nicht gebracht. Jeder verlorene Monat schädigt die Bewegung. Und ein halbes Jahr bedeutet in diesen unerhört intensiven Jahren eine große und wichtige Spanne Zeit. Noch aus einem anderen Grunde ist die möglichst schnelle Einberufung des Kongresses und die Vorsorge für eine möglichst ungehemmte Teilnahme der Vertreter aller Schichten und Gruppen der Bewegung außerordentlich notwendig: zur Wahl einer neuen Leitung. Denn auch in dieser Frage — die zweite große Aufgabe der Jahreskonferenz — hat sie vollkommen versagt. Die Wahl des großen Aktionskomitees lasse ich beiseite, sie ist weniger wichtig. Entscheidend ist die Wahl der Leitung. Hier hat die Konferenz ein Novum geschaffen. Sie hat darauf verzichtet, eine Exekutive zu wählen und hat sich damit begnügt, ein Präsidium zu bestimmen, bestehend aus Brandeis als Ehrenpräsidenten, Weizmann als Präsidenten und Sokolow als Vorsitzenden der Exekutive. Dieses Präsidium soll die Leiter der Ressorts nach eigenem Ermessen ernennen und mit ihnen gemeinsam die Exekutive bilden. Selbst die Bestätigung der vom Präsidium ernannten Exekutivmitglieder hat sich nicht die Jahreskonferenz vorbehalten, sondern hat sie dem Großen Aktionskomitee überlassen. Dies bedeutet also nichts weniger als den Verzicht auf das demokratische Prinzip bei der Einsetzung der Leitung und die Errichtung einer Diktatur von drei Personen. Nun ist zwar grundsätzlich, glaube ich, nichts gegen eine Diktatur zu sagen; nur muß sie eine Diktatur des großen Mannes sein, eine Diktatur der überragenden Persönlichkeit, die aber dann gewöhnlich nicht von einem Gremium beschlossen wird, sondern sich selbst, durch die Wirkung seiner Figur und seiner Leistung durchsetzt und da ist, vorhanden ist, ohne daß es so erst bestimmt und beschlossen wurde. Es ist die einzige Diktatur, der man sich gern und freiwillig unterordnet; sie trägt ihre Überzeugungskraft in sich. Hier aber, alle Leistungen von Brandeis, Weizmann und Sokolow in Ehren, glaubt man wirklich an ihre Fähigkeit, an ihre Würde zu diktatorischer Stellung? Theodor Herzl war — es wird hoffentlich nicht als eine Herabminderung Weizmanns und Sokolows empfunden werden — doch zumindest wohl eine Figur von gleichem Rang; und hatte doch nie solche diktatorische Vollmacht, sich seine Exekutive selbst zu ernennen. Ja, weiß man gar nicht mehr, mit welcher Vehemenz Weizmann als einer der Führer der