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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 242

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Zionismus und nationale Bewegung
Date
1920-01-01
Page
242 (sequence 6)
Language
German
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242 Umschau: Religiöses Leben 40 an Zahl; aber sie entschieden, weil sie die Dollars haben. Das ist unerträglich. Wenn das so bliebe, wäre es der Anfang vom Ende des Zionismus. Wir sind eine ideelle Bewegung. Unsere Kraft ruht in der Tiefe der Idee, in der moralischen Stärke der Volksseele. Verkauft der Zionismus seine Seele um des Mammons willen, so wird er Dollars bekommen; das jüdische Volk wird er verlieren. Man vergesse nicht: wir stehen erst am Anfang des Prozesses. Als im Juni auf dem Delegierten tag der deutschen Zionisten einige von der drohenden Gefahr der Amerikanisierung unserer Bewegung sprachen, war die Mehrzahl der Delegierten entrüstet. Wir sind schon mitten in dieser gefährlichen Situation. Ein Mann wie Podlischewski sogar erklärt, der Business-Zionismus der Amerikaner sei eine Gefahr für den Zionismus. Geht es eine Weile noch so fort, dann ist die Plutokratisierung der Bewegung vollendet. Dann entscheidet die beste Valuta über Idee und Politik des Zionismus. Schon merkt man die Folgen; die undemokratische Wahl des Präsidiums, die doch in Wahrheit eine völlige Abdankung der Jahreskonferenz darstellt (da sie sich ja nicht einmal das Recht der Bestätigung der vom Präsidium ernannten Exekutivmitglieder vorbehielt), bildet die erste dieser Folgen. Die Jahreskonferenz mußte diese Abdankung vornehmen, weil — Herr Podlischewski verrät es — Brandeis neue Männer — außerhalb des Zionismus stehende — in die Exekutive setzen will. Noch muß er sie gewinnen: daher seine Forderung, daß ihm völlig freie Hand gegeben werde. Begreift man die Tragweite? Eine Leitung des Zionismus mit Nichtzionisten als Mitgliedern, die durch nichts anderes dazu legitimiert sein werden als durch ihre soziale Stellung und ihr Bankkonto. Denn handelte es sich um Sachverständige, so könnten und müßten diese als solche berufen und in den Dienst der Bewegung gestellt werden, brauchten aber nicht Exekutivmitglieder zu sein. Was anderes kann also der Plan des Herrn Brandeis bedeuten, als die Auslieferung unserer Leitung an Notable? Das alles ist — ich wiederhole es — unerträglich. Daß die Jahreskonferenz sich diesem Diktat beugen konnte, ist unbegreiflich. Daß sie es gar einstimmig tat, ist schmachvoll, (Und wiederum die Frage: Wo waren die sozialistischen Gruppen?) Noch einige Jahre solcher Entwicklung, und wir sind eine Notabeinorganisation, eine Philanthropenorganisation — aber ohne Organisation. Denn diese, die große jüdische Masse, wird uns den Rücken gekehrt haben. Das kann so nicht bleiben. Die Jahreskonferenz hat nicht die Kraft gehabt, den Gefahren zu trotzen. Ihre Entscheidung kann für die breite Masse der Zionisten keine Autorität haben; die vom Präsidium ernannte Leitung kann es auch nicht haben. Die Forderung der Stunde bleibt der Kongreß. Möglichst bald und möglichst erreichbar. Er nur wird die nötige Klärung bringen, die nötige Auseinandersetzung, die nötige Entscheidung. Er nur wird ein wahres Bild der inneren Lage des Zionismus geben und wird die Kraft haben, radikaler, entschiedener denn je den ideellen Charakter des Zionismus, sein Wesen als Kampfbewegung, seine revolutionäre Idee wieder zur Herrschaft zu bringen. Die Jahreskonferenz bildet den Abschluß der zionistischen Entwicklung der letzten Jahre; einer Entwicklung, die, an äußeren Erfolgen reich, innerlich aber den Zionismus ärmer und matter gemacht und ihn auf eine gefährliche abschüssige Bahn verführt hat. Dem Zionismus tut eine Erneuerung not, eine Verjüngung. Die lauten Erfolge haben ihn alt und satt gegemacht. Die Jahreskonferenz war unfähig, diese Verjüngung zu bewirken. Sie hat das Vergangene vorbehaltlos sanktioniert und will die Zukunft nach gleichem Rezept modeln. Die Reinigung von den Sünden der Vergangenheit, die Neubelebung der Bewegung mit revolutionärem Mut, mit unerschütterlichem Glauben, der die Kraft hat, auch den Verführungen des Dollars zu widerstehen, kann nur der Kongreß vornehmen. Seine schleunige Einberufung zu fordern, ist Aufgabe aller, die den Zionismus in seiner ideellen revolutionären Form wollen, ihn nur in dieser Form wollen — und an ihn glauben. Nachum Goldmann RELIGIÖSES LEBEN Die ungeheure Anstrengung, die das jüdische Volk in den letzten Jahrzehnten machen mußte, um seine nationale Existenz neu zu begründen, um vor allem diese nationale Existenz im eigenen Bewußtsein zu verankern, hat gerade in den' lebendigsten Teilen des Volkes das Gefühl für religiöse Fragen abgeschwächt, wenn nicht ganz beseitigt. Im offiziellen Nationalismus, der ursprünglich eine Synthese aus der Geistigkeit der Aufklärung und einer alten messianischen Romantik war, hat die rationalistische Komponente zweifellos die Oberhand gewonnen; unterirdisch aber waren die aufbauenden Kräfte am Werk, die die schaffende Macht des Lebens aus der Tiefe beschwören wollten. Die nationale Wiedergeburt meint nichts anderes als ein Stirb und Werde; der Begriff der Wiedergeburt ist, wenn er nicht ganz verflacht werden soll, gar nicht anders zu fassen als in dem Sinne der

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