Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zionismus und nationale Bewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 239 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Zionismus und nationale Bewegung 239 Stimmungspolitik der Leitung, an ihren Jubeltelegrammen, an ihrer Geulahlosung, an der Art, wie man seit zwei Jahren die jüdische Masse in eine unverantwortliche Illusion des Rausches und des Jubels hineintreibt? Fand sich vor allem niemand, der Protest erhob gegen die innere Festlegung des jüdischen Volkes durch die Politik der Leitung, gegen die innere Einfügung unseres Volkes in das System der heutigen europäischen Politik, gegen die innere Bejahung dieses Systems? Hat man all dies etwa nur in der politischen Kommission gesagt? Dann war es nutzlos und feige. Solche Kritik und solcher Protest haben nur Sinn und Wirkung, wenn sie öffentlich weithin hörbar erhoben werden. Wo waren — die Frage sei wiederholt — die sozialistischen Gruppen, wo die Wertführer der Jugend? Fehlt ihnen vor der Autorität der erfolgbekleideten Führer Kraft und Mut zu öffentlicher Kritik? Einstimmige Annahme der Resolution, die den Beschlüssen von San Remo zustimmt, England dankt, Weizmann und Sokolow das Vertrauen ausspricht — meinetwegen. Aber wenn nichts sonst dazu gesagt wird — und wäre es auch nur von einer kleinen Minorität gesagt — wenn keine deutlichen klaren Forderungen an England für die nächste Zeit gestellt werden, wenn keine Vorbehalte und Bedenken prinzipieller Natur gegen die Politik der Leitung erhoben werden, dann ist das Ergebnis der Arbeit der Konferenz in den politischen Fragen wertlos; dann gibt sie auch hier kein Bild der Verhältnisse und Strömungen innerhalb unserer Bewegung; dann fälscht sie, verzerrt sie das Bild und läßt ihre wichtigste Aufgabe unerfüllt Ich komme zum zweiten großen Fragenkomplex, den zu klären Aufgabe der Jahreskonferenz war: zu den Fragen des Aufbaues Palästinas. Welche Kämpfe, welch erbitterten Streit der Meinungen haben diese Probleme in den letzten Jahren ausgelöst; mit Recht ausgelöst, denn es geht hier um ein zentrales Problem des Zionismus. Was in den nächsten Jahren in Palästina geschehen wird, die Art, in der die Grundsteine der neuen Siedlung gelegt werden, wird für eine gute Weile richtungweisend sein für den Charakter des neuen Palästina. Wie behandelte die Jahreskonferenz diesen Fragenkomplex? Auch hier keinerlei allgemeine Debatte, sondern eine Kommission mit Resolutionen, die gleichfalls keine Stellungnahme zu den prinzipiellen Grundfragen enthielten, mit der einen Ausnahme der Nationalisierung des Bodens. * Im Anschluß an diese Resolution entwickelte sich die einzige grundsätzliche Auseinandersetzung über die Probleme des Aufbaues Palästinas. Kann das genügen? Ist die Frage der Nationalisierung des Bodens die einzige von grundsätzlicher Bedeutung? Die Abstimmung ergab einen Sieg der Gegner der Nationalisierung. Die amerikanischen Delegierten, obwohl durch die Pittsburger Beschlüsse verpflichtet, für die Nationalisierung einzutreten, stimmten dagegen, gaben aber dann die — sehr amerikanische — Erklärung ab, sie seien den Pittsburger Resolutionen nicht untreu geworden, da sie nicht gegen das Prinzip der Nationalisierung, sondern lediglich gegen das vorgeschlagene Mittel zu ihrer Durchsetzung — die Alleinberechtigung des Nationalfonds zum Bodenerwerb — gestimmt hätten, ohne daß sie aber statt dessen ein anderes Mittel zur Durchführung anzugeben wußten. Es ist nur natürlich, daß die Gegner der Nationalisierung gesiegt haben. Der russische Zionismus war nicht vertreten, denn man kann die wenigen älteren russischen Zionisten, die seit Jahren in England leben, ohne Verbindung mit dem russischen Judentum, bei allen ihren Verdiensten nicht als die alleinberechtigten Vertreter der russischen Juden ansehen, die in den letzten zwei Jahren so Großes und Unerhörtes durchlebt haben. Und daß die amerikanischen Delegierten gegen die Nationalisierung stimmten, ist auch nur natürlich. Es ist amerikanische Art, in Dingen der Idee zwar für das Prinzip, aber gegen die Mittel seiner Verwirklichung zu sein, sobald sie in die Praxis eingreifen. Wilson mit seinen 14 Punkten hat das große Beispiel gegeben. Und es ist auch nicht so arg, daß die Jahreskonferenz, daß diese Jahreskonferenz die Nationalisierung abgelehnt hat. Diese Forderung wird dadurch nicht getötet. Sie war viel stärker vor zwei Jahren gefährdet, als die gesamte zionistische Bourgeoisie sich für sie erklärte. Postulate dieser Art bedürfen des Kampfes zu ihrer Durchsetzung. Ihre kampflose Anerkennung nimmt ihnen jede Radikalität, jede Bedeutung und verhindert von vornherein ihre wahrhafte Verwirklichung. Über das Prinzip der Nationalisierung kann .nicht diese Jahreskonferenz entscheiden. Darüber wird der Kongreß, der von allen Teilen der Bewegung gewählte, wirklich repräsentative Kongreß entscheiden und vor allem entscheiden wird darüber die arbeitende Bevölkerung Palästinas. Daß deren Entscheidung die Nationalisierung nicht beschließen, sondern durchführen wird, ist aber ebenso selbstversändlich und gewiß, wie deren Ablehnung durch diese Jahreskonferenz selbstverständlich und im voraus gewiß war. Mehr zu bedauern als das Abstimmungsergebnis selbst ist die mangelnde klare Herausarbeitung der prinzipiellen Differenzen in diesen