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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 238

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Zionismus und nationale Bewegung
Date
1920-01-01
Page
238 (sequence 2)
Language
German
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238 Umschau: Zionismus und nationale Bewegung Hat sie es getan? Hat sie solche historische Bedeutung gehabt? Wird sie solche Wirkung üben? Ich bin nicht in London gewesen und kann daher nicht aus eigenem Erleben von der sehr wichtigen stimmungsmäßigen Atmosphäre der Jahreskonferenz berichten, von dem Geist, dem Schwung, dem Atem, der sie beherrschte. Aber nach allem zu urteilen, was Delegierte und Korrespondenten mitteilen, was die offiziellen Berichte zwischen den Zeilen aussagen, fehlte ihr die groß 2 hinreißende Stimmung, aus der allein große Taten geboren werden. Es hat sich bitter gerächt, daß sie in London tagte. Sie war für Karlsbad einberufen worden, bis die Leitung sie unerwartet nach London verlegte, ohne ersichtlich durchschlagenden Grund. Daß Weizmann und Sokolow nicht für zwei Wochen von London abkömmlich sein sollten, wo es sich um so Wichtiges handelt, will nicht einleuchten. Die Verlegung nach London bewies wieder einmal das erschreckende Unverständnis der Leitung für die stimmungsmäßigen, atmosphärischen Elemente, die bei einer Bewegung von der Art des Zionismus so bedeutsam, in diesem Augenblick aber doppelt bedeutsam sind. Ob die Jahreskonferenz in Karlsbad tagte, in der Nähe des deutschen, des österreichischen, des östlichen Zionismus, oder in London, im Milieu des englischen und amerikanischen, 'das war schon irgendwie vorbestimmend, irgendwie Weg, Charakter und Bedeutung der Konferenz im voraus kennzeichnend. Man hat, nachdem einmal feststand, daß die Konferenz in London tagen wird, nichts Großes mehr von ihr erwarten können. Das Vorgefühl hat nicht getrogen. Was zunächst den Gesamtcharakter der Jahreskonferenz betrifft, so ist man erstaunt, verblüht, bestürzt über den Mangel jeder eingehenden prinzipiellen, allgemeinen Debatte. Es fand eine kurze Generaldebatte statt, die aber von vornherein eigentlich mehr Spezialdebatte war und Klagen über Einzelfälle brachte; es entwickelte sich nochmals eine Generaldebatte bei der Frage der Nationalisierung des Bodens; das war alles. Im übrigen: Kommissionssitzungen, die geheim waren, und endlose Resolutionen. Man sagt nun, die Jahreskonferenz sei eben eine Arbeitskonferenz gewesen; eine Schweißkonferenz hat sie begeistert ein Korrespondent genannt. Eine Arbeitskonferenz mußte sie sein; die Kommissionsberatungen sind nötig und nützlich. Aber sie können doch unmöglich alles sein und können niemals einer Konferenz die Bedeutung verleihen, die ihr prinzipielle Auseinandersetzungen und die grundsätzliche Klärung der zentralen Probleme allein geben können. Man denke: sieben Jahre hat kein Kongreß, hat keine Jahreskonferenz getagt. In diesen Jahren hat die Welt ein anderes Gesicht erhalten, haben sich für den Zionismus unerhörte Wandlungen vollzogen. Der Moment ist von einer Größe, Verantwortung, Bedeutungsschwere, wie er noch in der Geschichte des Zionismus nicht da war. Gegensätze der heftigsten Art haben sich innerhalb der Bewegung herausgebildet, Grundfragen prinzipiellster Natur sind zu entscheiden. Und da verzichtet man auf große, grundsätzliche Auseinandersetzungen und versteckt sich in Kommissionen. Wenn die Leitung es schon so wollte — sie liebt ja die diplomatischen Methoden —, wo blieb die Jugend, wo blieben die sozialistischen Fraktionen, der ,,Hapoel hazair", die „Poale Zion", daß sie es zuließen? Man hat herzlich wenig von ihnen gemerkt. Wo blieben die prinzipiellen Gegensätze in den großen politischen Fragen, in der Stellungnahme zu den ungeheuren Problemen der gegenwärtigen Stunde menschlicher Geschichte; wo die Differenzen über Wesen und Charakter der zionistischen Bewegung, wo vor allem diejenigen über die Art des künftigen Palästina? Die Jahreskonferenz hat keine Spiegelung dieser Gegensätze innerhalb des Zionismus gegeben. Sie ist an den entscheidenden Fragen vorbeigegangen. Sie hat das Wichtigste, was ihr zu leisten obgelegen hat, nicht geleistet. Sie hat die Grundforderung der Stunde nicht erfüllt. Man wird das Urteil bestätigt finden bei einer näheren Betrachtung der Ergebnisse der Konferenz, ihrer Resolutionen zu den verschiedenen Fragenkomplexen und ihrer Wahl einer neuen Leitung. Sehen wir uns zunächst ihre politischen Resolutionen an. Hier, im Politischen, hatte die Konferenz ihrer nächstliegenden Aufgabe gerecht zu werden. Hier hatte sie für die Vergangenheit die Politik der Leitung innerhalb der letzten Jahre zu prüfen und zu beurteilen; hier hatte sie für die Zukunft die politischen Richtlinien der Bewegung zu fixieren. Wie hat sie diese Aufgabe erfüllt? Keinerlei prinzipielle Debatte, sondern eine Kommission mit dem Ergebnis zweier Resolutionen, die nur Selbstverständlichkeiten enthalten — Freude über San Remo, Dank an England, Vertrauen zu Weizmann und Sokolow — und einstimmige Annahme dieser Resolutionen durch das Plenum. Man ist beinahe fassungslos. Das ist also alles, was die Vertretung der zionistischen Bewegung in solchem Augenblick zu den politischen Fragen zu sagen wußte? Fand sich niemand, der ein offenes, tapferes Wort der Kritik zu äußern hatte; der Kritik an der falschen, gefährlichen

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