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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Zum Problem der Führung
Date
1920-01-01
Page
236 (sequence 2)
Language
German
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236 Umschau: Politik nicht zu bestehen. Repräsentation des Volkswillens, Vertretung der Interessengruppen, Rückhalt in der parlamentarischen Majorität, Partei¬ oder Fachministerium — alle Fragen, die der Demokratie Kopfzerbrechen machen, sind müßig im Staate gottgewollter Unterordnung, denn sie sind erst gar nicht entstanden. Führung ist da einfach Tatsache, kein kompliziertes Problem. Nicht Verdienst oder Schuld des Volkes, in jedem Falle also Ausdruck der Gerechtigkeit, sondern eben einfach eine fremde Tatsache und Angelegenheit. Von den vielen Problemen, die die zionistische Jahreskonferenz in London hätte behandeln sollen, und den wenigen, die sie in einigermaßen zulänglicher Weise erörtert hat (natürlich nicht im Plenum), gehört die Frage der Leitung auf das Gebiet nicht so sehr der hier nicht zu behandelnden internen, als der „großen" Politik. Die tausend Schwierigkeiten, die sich heute jeder Staatsregierung entgegenstellen und die in fast allen Ländern lebhafte Diskussionen über die bestmögliche Form der Zusammensetzung der Staatsleitung hervorrufen, hat doppelt und dreifach die heutige jüdische Volksregierung, die zionistische Exekutive, zu überwinden. Und die wichtigsten Teil fragen, ob politisches Führertum sich mit Sachkenntnis vereinigt, Vertretung der Mehrheit mit der Repräsentation des Gesamtwillens, Parteigrundsätze mit den Staatsinteressen, Autonomie der Gliedstaaten (Stämme oder Landsmannschaften) mit der für jedes politische Handeln unerläßlichen Machtfülle der Zentralbehörden, bestehen brennender als in den schon bestehenden Staaten im staatenlosen jüdischen Volle. Dessen politisch organisierter Teil, die zionistische Organisation, für die allein die Analogie mit dem Staat an-* zuwenden wäre, ist naturgemäß — weil es ohne Staat keine Staatsgewalt gibt — und geistesgemäß — weil es sich um jüdischen Geist handelt — eine Demokratie. Ihre Führung ist daher eine problematische Angelegenheit. Das Ergebnis der Londoner Konferenz, deren insulare Abgeschlossenheit von der Atmosphäre der breiten demokratischen Öffentlichkeit des Zionismus geradezu verhängnisvoll war, war nicht die Lösung des Problems der Führung, auch nicht seine Nichtlösung, sondern, nach dem Muster des Selbstmordes als Heilmittel, der Zusammenbruch des demokratischen Prinzips der zionistischen Politik. Nichts anderes bedeutete die Proklamierung der Diktatur vermittels eines durch Ernennung, nicht Wahl, sich erweiternden Direktoriums. Auch die Demokratie hat allmächtige Diktatoren und heimliche Könige: Herzl z. B. war ein solcher. Aber die Forderung nach offaner Proklamierung der Diktatur verrät nicht Stärke, sondern Schwäche. Der wirkliche Führer, der seines Volkes sicher ist, bedarf ihrer nicht, die freie Wahl ist für ihn eine sicherere Quelle seiner Machtvollkommenheit und eine stärkere Bekundung des Vertrauens als die Auslieferung der Macht durch ein Volk mit zugebundenen Augen wie es die Diktatur verlangt. Das Diktatorium Brandeis-Weizmann-Sokolow wird vielleicht in einem Jahre noch die allmächtige Führung der zionistischen Organisation sein; vielleicht aber auch nicht. Denn verantwortungsfreies Handeln bleibt ohne soziale Resonnanz, daher lähmt es und verbittert. Ihr Führertum wäre ohne die im Grunde ja überdies wenig belangvolle, bramarbasierende Geste des Diktators unbestrittener gewesen. Nun ist freilich die neue zionistische Leitung in ihrer Arbeit nicht unverantwortlich. Aber gerade das Tätigkeitsgebiet der drei erwähnten Mitglieder des Kreationsorgans, als das die neue Leitung ursprünglich gewählt wurde, die reine Politik, war am wenigsten der Kritik unterworfen. Nur die Verantwortung der nicht gewählten, sondern ernannten „Fachminister", im augenblicklichen Stadium konstruktiven Aufbaus die wichtigsten, ist gespalten: zwischen den Kreatoren und den von ihnen Ernannten, deren mangelnde Autorität auf ihrem eigenen Gebiete von der Autorität jener anderen auf deren Gebiet gedeckt werden soll. Taktisch mag das ja ein ganz kluges Prinzip sein, sachlich ist es das keineswegs. Es ist immer von Übel, wenn in der Politik jemand in öffentlicher Stellung seiner vollsten und strengsten Verantwortlichkeit entzogen wird. Und es ist ein anderes, ob man der breiten Öffentlichkeit einer Demokratie oder einem durch seine Kreationsstellung von vornherein befangenen Kollegium mit diktatorischer Befugnis Rechenschaft schuldet. Ein sachliches Verhältnis wird da zu persönlichen Beziehungen entwertet, und in jedem Nachlassen von der unerbittlichen Strenge demokratischer Kontrolle liegt der Keim zur Korruption. Die Demokratie wird zur Farce, der Arbeitswille und die Bereitschaft des Volkes gelähmt, wenn seine deutlichen Willenskundgebungen so mißachtet und umgangen werden, wie das auf der Londoner Konferenz geschah: die eben erst durch die parlamentarische Wahl abgelehnten Mitglieder der Exekutive wurden dann durch das Mittel der Ernennung seitens des Diktatoriums doch gewählt. * Folgert man aus einem solchen Vorkommnis die Unmöglichkeit restloser Durchführung des demokratischen Prinzips? Wie, wenn die Wahl von Fachmännern, die aus persönlichen, nicht sach-

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