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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 237

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Zum Problem der Führung
Date
1920-01-01
Page
237 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Zionismus und nationale Bewegung 237 liehen Gründen bei der unberechenbaren Menge mißliebig sind, dieser nicht anders abgetrotzt werden kann als durch solche Umwege? In unserem aktuellen Falle mag das ja nicht zutreffen, denn es ist gar nicht fraglich, daß die Konferenz wirkliche Fachleute ohne weiteres gewählt hätte. Aber stellen wir die Frage allgemein. Und da muß man antworten, daß es bei politischen Führern von wirklicher Autorität solcher „Umwege" nicht bedarf; sie haben stets Macht genug, auf geradem Wege, sei es selbst durch das äußerste Mittel ihrer Rücktrittsabsicht, ihren Willen durchzusetzen. Soweit allerdings nur als auch das Volk mit ihnen gehen will und kann. Tiefer gefaßt, mündet auch diese Frage in die grundsätzliche jeder Politik ein, zugleich die Existenzfrage der Demokratie: ob das Volk — nicht oberflächlich, sondern in seinem tiefsten Kern genommen — gut oder schlecht ist, ob man ihm und seinem Instinkt für das Gute und Echte vertrauen kann oder nicht« Es ist das nicht eine Frage der Demokratie im allgemeinen, sondern jedes einzelnen Volkes im besonderen. Für das jüdische Volk glaubten wir sie längst entschieden: durch die Existenz der jüdischen Volksbewegung, des Zionismus. Wer sie verneint, verneint auch den Zionismus. * Das Problem der Leitung war nur eines von vielen, welche die Londoner Konferenz nicht löste. Es ist nach Herzls Tod im Grunde das zionistische Problem. Brandeis und Weizmann, beide zu Führern vor allen anderen prädestiniert, haben im entscheidenden Augenblick versagt Möglich, sogar wahrscheinlich, daß ihnen das Vertrauen der breiten Massen fehlte, das in London nicht spürbar ist, und daß dieser instinktiv empfundene Mangel sie zu Schritten verleitete, deren Gewaltsamkeit nicht mit ihren sachlichen Zwecken in Einklang steht, Weizmanns schmerzlicher Ausruf am Schlüsse seiner großen Verteidigungsrede: „Jüdisches Volk, was hast du getan"? weist auf diese seelische Depression hin. Kein Führer empfängt seine Größe nur aus sich selbst, er dankt sie auch der Menge, die ihn trägt. Von ihrem feurigen Atem durchbraust, emporgehoben durch die leidenschaftliche Glut ihrer Begeisterung, selbst erwachender Erwecker, Führer und Geführter, steigert er sich an den Massen erst zu einer sonst unerklärlichen Höhe hinauf. Wir haben das früher an Herzl, zum Teil auch an Wolffsohn und zuletzt an Weizmann erlebt, die alle mit der ihnen gestellten Aufgabe gewachsen sind. So bleibt als schmerzliche Lehre der Jahreskonferenz in London auch die Erkenntnis, daß man sich nicht ungestraft in Augenblicken, da das Volk und niemand anderer zu sprechen hat, nur an seiner Peripherie befindet, fern seinem Herzschlag und seiner leidenden Seele* Aber auch für das Volk gilt jetzt mehr als je die Aufgabe, seiner Stimme mächtigeren Widerhall zu verschaffen als bisher. Und das ist nicht nur eine Frage des Resonnanzbodens, sondern auch der Stimme, deren alleiniger Ruf heute-nur die Tat sein kann. Siegmund Kaznelson ZIONISMUS UND NATIONALE BEWEGUNG Die Jahreskonferenz hat getagt. Mit großen Hoffnungen hat man ihr entgegengesehen. Seit vielen Jahren — und welche Jahre i — die erste repräsentative Vertreterversammluhg der zionistischen Organisation. Und es hat lange gedauert, bis sie zusammentreten konnte, Immer wieder gefordert, immer wieder hinausgeschoben, war die Frage ihrer Einberufung schon zu einer Sache des Kampfes geworden, Da der Kongreß auch in diesem Jahre noch nicht stattfinden kann, mußte die Jahreskonferenz von selbst etwas von der Bedeutung und dem Rang eines Kongresses erhalten. Sie hat sich dann auch diese Bedeutung beigelegt. Sie hat die Leitung und das Große Aktionskomitee neugewählt, was sonst nur Sache des Kongresses war. Der Umkreis ihrer Aufgaben war sehr groß; die Bedeutung ihrer Beschlüsse und Entscheidungen kaum zu überschätzen. Der Zionismus steht vor entscheidenden Jahren seiner Entwicklung. Seine Stellung nach außen und nach innen hängt von den Leistungen der nächsten zwei, drei Jahre ab. Die wichtigsten Fragen harren ihrer Lösung. Die Stellungnahme zu der Politik der Leitung in den letzten Jahren, die Aufstellung des Arbeitsprogramms für die beginnende Einwanderung nach Palästina und den Aufbau des Landes, die Fixierung seiner Stellung innerhalb des jüdischen Lebens, all dies und vieles andere mehr war Aufgabe der Jahreskonferenz. Sie hätte, wollte sie auch nur einigermaßen den außerordentlichen Forderungen gerecht werden, die die augenblickliche Lage an sie stellte, zu einem Markstein in der Entwicklung des Zionismus, in der Geschichte des Judentums werden müssen; zu einem Ereignis, dessen Größe und historische Bedeutung weithin erkennbar wäre, von dem belebende Kraft, hinreißender Schwung, verjüngender Atem ausginge, Sie hätte dem jüdischen Volk den machtvollen Impuls zu den ungeheuren Leistungen geben müssen, die die nächsten Jahre von ihm fordern.

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