Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zum Problem der Führung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 235 (sequence 1)
- Language
- German
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UMSCHAU LEBEN UND BEWEGUNG POLITIK Zum Problem der Führung Kennzeichen des wahren Geistes, der sich in die Welt einfacher Natürlichkeit gestellt sieht: seine Problematik. Die Natur, das natürliche Leben, die Vitalität, ist fraglos. Vor der Notwendigkeit ihrer ehernen großen Gesetze erstirbt jede Frage, jeder Zweifel. Unerschütterlich sind, werden und wirken sie in die Ewigkeit des unaufhaltsam strömenden Lebens. Unproblematisch sind auch noch jene naturhaften Schöpfungen des Menschen, die sich des Geistes nur bedienen, statt sich von ihm beherrschen zu lassen: die Positionen der reinen oder der maskierten Macht. Die Macht hat Sicherheit und Einfachheit, die Sicherheit des Beharrenden und der Trägheit, die Einfachheit der Schwerkraft. Nicht einfach, problematisch und vielfältig ist allein der Geist. Seine Größe besteht nicht durch die Gedankenlosigkeit der ihm Unterworfenen, sondern in ihrem Zweifel, bis zum Zweifel an ihn selbst, also in ihrer revolutionären Leidenschaft, in ihrer Gläubigkeit aus Skepsis. Problematik bedeutet Revolution. (Und umgekehrt.) Kennzeichen somit der Politik des Geistes: Problematik und gefahrvolle Schwierigkeit. Die Machtpolitik — der monarchische Absolutismus ist ihre reinste Verkörperung — ist unangreifbar innerhalb ihres eigenen Bezirks, aus dem der Geist und damit auch das Bewußtsein ihrer menschlichen und geistigen Fragwürdigkeit ausgeschlossen sind. Ein gottgewollter, verantwortungsloser und unverletzlicher Herrscher; Herrschaftsform und Grundgesetz durch ehrwürdige Tradition geheiligt; jedes Organ, bis zum geringsten Diener herab noch bestrahlt vom Schimmer solcher in ihrem gottgesandten obersten Herrn inkarnierten Heiligkeit; alle Institutionen unantastbar durch ihre widerspruchslose Übernahme von Generation zu Generation. Ist der Fürst ein krankhafter oder böswilliger Schädling, seine Regierung und Beamtenschaft ein Haufen unfähiger Dummköpfe, seine Gesetze und Gerichte den Staat zerrüttende Veranstaltungen beschränkter Borniertheit, das Volk ohnmächtig und stumm und seine Führer lakaienhafte Nutznießer des herrschenden Systems — daran kann nichts geändert werden, alles unabwendbare, unverbesserliche Übel, so notwendig wie die Mängel der Natur. Mag sein, daß auch im reinen Machtstaate einmal die Frage gestellt wird, ob seine Führung gut oder schlecht ist. Diese Frage aber eine Existenzfrage der Führung? Das wäre zum Lachen. Wer entscheidet denn in einem solchen Staat: die Qualität oder die Macht? Das Signum gottgewollter Unabänderlichkeit geht wie die sieben Priesterweihen im hierarchisch aufgebauten Staate des monarchischen Absolutismus von seiner höchsten Spitze, dem König, auf alle seine Stellvertreter über. Autorität, Machtfülle und weitestreichender Einfluß der Regierung in der, sei es auch konstitutionell gemilderten Monarchie ist keine Errungenschaft, sondern natürliches Akzidens. Ihr Mangel in der Demokratie, solange sie revolutionär und ohne Tradition ist, andererseits aber als wirkliche Demokratie auch Gewaltanwendung verschmäht, ebensolche Selbstverständlichkeit. In der Monarchie war das Mitbestimmungsrecht des Volkes in Gestalt eines ziemlich belanglosen Parlamentarismus, also die Demokratisierung des Wahlrechts die Frage gewesen. Schon der Gedanke an eine Demokratisierung der Verwaltung, ohne die jeder Parlamentarismus Humbug ist, erfüllte den ordnungsliebenden Bürger mit Entsetzen. Die Regierung und Verwaltung des Obrigkeitsstaates war gut, wenn sie auch schlecht war, denn sie hatte die Autorität der Kritiklosigkeit für sich. Die Führung des Volksstaates ist schlecht, auch wenn sie gut ist, denn wo es Kritik gibt (Kritik ist Freiheit und Geist), gibt es immer auch Mängel. Das Mund- und Durchhalten ist von erfrischender Problemlosigkeit, vor seiner nötigenfalls machtvoll bestätigten Dogmatik vermag die üble Problematik demokratischer Führung