Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 226

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Die jüdische Renaissance und die Ethik des reinen Willens
Date
1920-01-01
Page
226 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101168-3105428--4053-3105488
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

226 Felix Weltsch: so erscheint als das sittliche Ideal nicht der Wille, der sich selbst erzeugt und sich selbst Material ist, sondern der — nicht reine — aber umschaffende Wille, der die Natur in seine Bahn zu reißen vermag. Wir haben vorhin einige wichtige Begriffe hervorgehoben, welchen der reine Rationalismus Cohens nicht ganz gerecht werden kann: Das Werden, die Freiheit, die psychischen Gegebenheiten, die Tatsachen der Natur und der Vitalität und jenes Reich, wo die wichtige einzigartige Kooperation von Geist und Vitalität, von Sittlichkeit und Natur stattfindet. Diese Gebiete sind aber für das Verständnis des jüdischen Nationalismus sowie für den Begriff der Nation überhaupt von grundlegender Bedeutung. Folgende typische Fassungen des Begriffs Nation lassen sich unterscheiden: 1. Die Nation als Tatsache einer Gegenstandswissenschaft; und zwar a) die Nation als reines Vitalgebilde oder Naturprodukt, daher moralfrei, wie alle reine Natur. Die Nation ist ein Wesen, das wächst und sich ausbreitet wie ein Baum oder sonst ein Gewächs, so gut und so weit es kann, und das in aller Harmlosigkeit und natürlichen Unschuld alles erdrückt, was ihm in den Weg kommt und das Unglück hat, weniger robust zu sein. b) Der formalistische Nationsbegriff Klatzkins: die Nation als eine Menschengruppe, deren Kriterien einfach gegenstandswissenschaftlich feststellbar sind; etwa gemeinsame Sprache und Land. 2. Die Nation als geistige Einheit, als naturfreies Kulturprogramm. Ausdrücklich stellt diesen Begriff der tschechische Philosoph und Antichauvinist Rädl auf. In diesem Sinne hätte sich wahrscheinlich auch Cohen die Juden als Nation gefallen lassen. 3. Die Nation als eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamen Naturgegebenheiten und mit einem gemeinsamen, auf diese Gegebenheiten gestützten, sie verarbeitenden, umschaffenden, ihnen stets neu Sinn-gebenden. kulturellen und sittlichen Bewußtsein*). Die erste Ansicht vernachlässigt — rein materialistisch — vollkommen die sittliche Grundlage der Nation; die Nation ist kein Subjekt der Ethik, sondern ein Objekt der Naturwissenschaften. Die zweite und die dritte Ansicht vernachlässigen die Natur, die vitalen Voraussetzungen, die psychischen Kräfte und die gerade hier höchst bedeutungsvollen Tatsachen des Bewußtseins, mögen sie auch sonst wichtige Teile des Nationalbegriffs gut herausarbeiten und mag auch vor allem Klatzkin in der tatsächlichen Feststellung, daß heute das jüdische Volk ohne eigene Sprache und Land nicht am Leben bleiben kann, vollkommen Recht haben. Aber sowohl der Begriff der Nation als Kulturprogramm als auch der formalistische Begriff der Nation übersehen : die ungeheure Bedeutung der natürlichen Gegebenheiten der Abstammung, der physischen und psychischen Anlagen für die kulturellen Leistungen des Volkes, die schöpferischen Kräfte, die aus dem Bewußtsein gemeinsamer Vergangenheit und Geschichte steigen, die ver- *) Vgl. meine Schrift: Nationalismus und Judentum. Berlin, Weltverlag 1920.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.