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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 225

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Die jüdische Renaissance und die Ethik des reinen Willens
Date
1920-01-01
Page
225 (sequence 6)
Language
German
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Die jüdische Renaissance und die Ethik des reinen Willens 225 dein soll, also in dem Moment entsteht, da das Bewußtsein die Sklavenketten der Triebe ein wenig lockert, irgendwie auseinanderzusetzen. Und sie tut das bekanntlich in verschiedener Art. Sie macht sich — als Materialismus aller Schattierungen — die Sache leicht, indem sie diesen Antrieb einfach bejaht, als den einzig wirksamen erklärt, und bestenfalls eine weise Behandlung und Verteilung verlangt. Wir sind eben Naturwesen und bleiben es, auch wenn uns im Verlaufe unserer natürlichen Entwicklung die Vernunft „zugewachsen" ist; diese Vernunft kann innerhalb der Naturtriebe nur eine gewisse Ordnung schaffen, weiter nichts. So spricht das Heidentum von Epikur bis Goethe. Die Gegenpartei — Kant und seine Schule — macht sich nun die Sache auch nicht viel schwerer. Sittlicher Wille ist einfach dem natürlichen Trieb, der „Neigung" entgegengesetzt. Der sittliche Wille muß vor allem „rein" sein, d. h. in seiner Quelle, Kraft und Richtung frei von der Mitwirkung der Vitalität. Und selbst wenn der Mensch aus Neigung in dieselbe Richtung strebt, die auch der sittliche Wille weisen müßte, handelt er nicht sittlich; denn ein solcher Wille ist nicht rein. Das lehrt die Ethik Kants. Cohen wandelt auch hier in den Spuren seines Lehrers. Auch er verlangt vom sittlichen Willen „Reinheit"; der sittliche Wille erzeugt sich selbst, bearbeitet kein fremdes Material, und erhält Sinn, Kraft, Richtung und Stoff aus der reinen Kraft der Idee. Diese Ethik ist die Konsequenz der Abwendung von allen tatsächlichen Lebenskräften, welche der Theorie der „Reinheit" zum Opfer fallen. Nun kann wohl eine reine Wissenschaft der Ethik, die in sich geschlossen ist^ den Willen, der sich selbst erzeugt, zur Grundlage des Systems haben; in der Wirklichkeit des Lebens wird aber ein solcher sittlicher Imperativ, der auf die Mitwirkung der Natur verzichtet, ja — in der rigorosen Weise Kants — sogar verpflichtet ist, gegen sie zu arbeiten, wirkungslos bleiben und bestenfalls ein trockenes, krampfartiges Mühsal sein. Die Sittlichkeit kann auf die unendlichen Kräfte der Vitalität nicht verzichten und muß sich hüten, um. der Despotie des reinen Geistes willen eine Irredenta der Lebenssäfte zu schaffen. Gewiß — der sittliche Wille hat eine ganz andere Richtung als der vitale Trieb; die beiden sind unendlich verschieden. Darin hat Kant, haben alle seine Vorläufer und Nachfolger in der Ethik der Freiheit und des Geistes tausendmal recht. Der Fehler liegt nur darin, daß die Vitalkräfte unterschätzt und ganz falsch behandelt werden. Gewiß darf man der Natur nicht einfach folgen; aber man darf sie auch nicht vernachlässigen oder sie prinzipiell unterdrücken wollen; es bleibt nur eins: sie zu erobern. Die einzige Möglichkeit, die der Ethik ihr souveränes Recht auf die von ihr zu bestimmende Richtung wahrt, aber auch auf die unersetzlichen Kräfte der Vitalität nicht verzichtet, ist — da ja das zufällige Zusammenwirken von Natur und Sittlichkeit im Sinne etwa der „schönen Seele" kein verläßlicher Weg ist — der Glaube, daß der sittliche Wille sich zur Fähigkeit aufschwingen könne, die Natur umzuschaffen und ihre Kraft in sich einzusaugen, in seine Richtung zu treiben, oder, wie die einfach-schöne jüdische Formulierung lautet: „aus dem bösen Trieb einen Wagen für Gott zu machen". — Und

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