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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 227

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Die jüdische Renaissance und die Ethik des reinen Willens
Date
1920-01-01
Page
227 (sequence 8)
Language
German
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Die jüdische Renaissance und die Ethik des reines Willens 227 einheitlichende Kraft des Bewußtseins einer Sendung, die aus dem historischen Volksschicksal in die Zukunft weist, kurz, die einzigartige Korrespondenz zwischen Gewordenem und Werden, das befruchtende Ineinandergreifen von Naturanlage und Kulturaufgabe. Gerade darin liegt aber der Kern des letzten hier angeführten Nationsbegriffs, der uns als der vom sittlichen Standpunkt richtige erscheint. Die Frage: was soll Nation sein? ist eben viel wichtiger als die Frage: was ist sie bisher gewesen? Und die Frage: Was ist sie? muß sich bei einem sittlichen Begriff immer in eine dieser beiden auflösen. Das sittliche Wesen der Nation ist weder vom reinen Naturstandpunkt noch vom reinen Geiststandpunkt faßbar, sondern ist in jener, gar nicht reinen, aber umso wirkungsvolleren, schöpferischen Verschlingung von Natur und Geist zu finden, deren volle Würdigung dem Rationalismus Cohens ebenso wenig gelingen konnte, wie dem Formalismus Klatzkins. Damit ist aber auch der Grund gefunden, warum Klatzkin das verständnislose Verhalten Cohens der jüdischen Renaissance gegenüber nicht erklären konnte. Klatzkin ist hier seinem Lehrer im Rationalismus und vor allem in der Vernachlässigung des Psychisch-Lebendigen gegenüber dem rein Formalen zu weit gefolgt. Betrachtet man den Gegensatz Cohen-Klatzkin, und dazu noch Cohens Gegenpol, den ganz dem irrationalen Werden und der Intuition zugewandten Bergson, und nicht weit von ihm Buber, — und etwa noch Spinoza, die man ja alle mit Recht jüdische Philosophen nennt, so könnte man verzweifeln, oder mindestens Klatzkinianer werden. Wenn so geradezu die Endpunkte aller möglichen Denk- und Weltanschauungsrichtungen jüdisch sein sollen, wo bleibt dann wirklich ein inhaltliches jüdisches Kriterium — wo gibt es dann etwas anderes als formale Kriterien des Judentums? Es ist schon gesagt worden, daß es bei der Bestimmung der Nation weder exakt bestimmbarer inhaltlicher noch formaler Merkmale bedarf, da ihr Wesen in einer bestimmten Kooperation von Natur und Kultur liegt. Aber abgesehen davon braucht man an einer klaren Bestimmung dieser jüdischen Gegebenheiten nicht zu verzweifeln; auch der geistigen nicht. Freilich darf man das geistige Wesen des Judentums nicht in einem bestimmten Denkinhalt suchen. Um nur eines hervorzuheben: Was ist den angeführten jüdischen Geistern am auffallendsten gemeinsam? Daß sie ihre Gedanken zu Ende gedacht haben. Es ist die Konsequenz der Richtung, die sie auszeichnet; es ist nicht etwa Gründlichkeit der Umfassung, oder Fülle der Kombinatorik, oder Weite des Horizonts, oder Originalität der Invention, sondern der Radikalismus des Denkens, der ihnen den jüdischen Stempel aufdrückt. Nicht in Cohen und nicht in Bergson und nicht in Spinoza ist die eigentliche jüdische Philosophie zu finden; auch nicht in ihrem Zusammenklang, der schwerlich harmonisch wäre; sondern: in ihrer gegenseitigen Spannung, in der Energie ihrer Richtungen, in der Weite ihrer Entfernung und in der Konsequenz ihres Gegensatzes liegt ihr Judentum, iS*

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