Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die jüdische Renaissance und die Ethik des reinen Willens
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 224 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Felix Weltsch: Wissenschaften oder der reinen Geisteswissenschaften; im Gegenteil, gerade hier führt es zu wichtigen Erkenntnissen und zu jener äußersten Klarheit der Wissenschaft über ihre eigene Bewegung, wie sie Cohens Schule geschaffen hat. Kritisch wird es erst in der Psychofogie, einer Wissenschaft, welche zum großen Teil ihr Material aus jenen Quellen bezieht, welche die „reine" Philosophie verstopft. Der Antipsychologismus der Neukantischen Schule ist hierfür bezeichnend, noch bezeichnender jene monströse Wissenschaft, die hier als Psychologie „erdacht" wird. Natorps Psychologie ist ein Beispiel hierfür. Indem also dem Rationalisten Cohen die Wirklichkeit des Werdens vor der des Seins vollkommen verblaßt, kann er zu seinem Begriff von Gottes Transzendenz und vom Messianismus gelangen, welche eine Bürgschaft sind für die Erfüllung des sittlichen Ideals in der Welt der Wirklichkeit, demnach das endgültige Resultat des Werdens absolut vorherbestimmen. Es ist aber ein Sakrileg am konsequent gedachten Begriff des aus dem Erlebnis geschöpften Werdens, wenn sein Erfolg irgendwie im Vorhinein garantiert wird*); das ist dann nur ein Scheinwerden, ohne die absolute Unvollendetheit des echten Werdens; ein vorher garantierter Ausgang bedeutet eine Entwirklichung der Zeit, eine Verwandlung des Werdens in ein Sein; was ja schließlich mit der Grundansicht Cohens übereinstimmt Diesem Standpunkt entspricht auch Cohens Begriff der Vorsehung, der mit dem Begriff der Willensfreiheit nicht im Widerspruche stehen, sondern geradezu seine Hypothese bilden soll. Es ist die Kehrseite des Cohenschen Messianismus. Da Cohen im Grunde die Strenge des Werdensbegriffs fremd ist, stört ihn ebensowenig der Widerspruch zwischen Vorsehung und Willensfreiheit, wie der zwischen dem Werden und der Garantie des Werdenserfolgs. Am gefährlichsten ist aber der „reine" Rationalismus auf dem Gebiete der Ethik; hier entsteht jene merkwürdige „Lebens"fremdheit, der schon Kant zum Opfer gefallen ist. Schon eine erste Betrachtung der Triebfedern menschlichen Handelns zeigt die Bedeutung des vitalen Antriebs; die Wirksamkeit des ungeheuren Apparats von Instinkten und Neigungen, mit dem die Natur den Menschen ausgestattet hat, die sie im Menschen gleichsam als ihre Vertretung eingesetzt hat. Es ist einfach der Lebenstrieb, der den Menschen vorwärts jagt, diese einzige, ungeheure, überfließende Kraftquelle, die der Mensch mit allen Lebewesen gemein hat und die die Verwandtschaft mit allem Wachsen und Sichausbreiten, Wurzeln und Bodengewinnen, Blühen und Früchtetragen in der Natur nicht verliert, auch wenn sie sich in die Mysterien der Erotik sublimiert oder in den Machtapparat des Imperialismus der Staaten und Völker mechanisiert hat. Es ist immer ein Ursprung — das Werden der Natur, das sich als Trieb oder Leidenschaft, als Liebe oder Erotik, Wille zum Leben oder zur Macht, als Streben nach Lebens- oder Arterhaltung manifestiert. Mit diesem Vitaltrieb hat sich nun jede Ethik, die ja die Frage aufwirft, wie man han- *) Ausführlich handelt über diesen Punkt mein Buch: Gnade und Freiheit München, Kurt Wolff 1920.