Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die jüdische Renaissance und die Ethik des reinen Willens
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 223 (sequence 4)
- Language
- German
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Die jüdische Renaissance und die Ethik des reinen Willens 223 Diese Erklärung ist schon auf den ersten Blick unbefriedigend. Cohen fand einen Zustand des Judentums vor, nahm ihn nicht nur hin, sondern bejahte ihn, ja er schuf ihm eine theoretische Grundlage. Man fragt sofort: Warum war gerade hier der große Kritiker so unkritisch? Warum ist gerade hier dieser selbständige Denker dem geistigen Milieu erlegen? Warum war - der geniale Erneuerer alles Übernommenen gerade hier so konservativ und so unproduktiv? Das muß doch seinen Grund haben, und diesen Grund anzugeben, ist Klatzkin schuldig geblieben. Mir scheint, daß sich der Grund für diese Stellung Cohens zur jüdischen Renaissance leicht finden läßt; und zwar dort, wo man ihn natürlicherweise zu allererst suchefi muß: in Cohens Philosophie. Im Zentrum aller Cohenschen Philosophie liegt der Begriff der „Reinheit": „Logik der reinen Erkenntnis", „Ethik des reinen Willens", „Ästhetik des reinen Gefühls" — das sind die Titel seiner Hauptwerke. Diese „Reinheit" ist der Ausdruck seines radikalen Rationalismus; sie. bedeutet: Freiheit von aller nichtgeistigen Beeinflussung und Vermischung, Freiheit vor allem von nichtgeistigem Material, von nichtgeistigem Ursprung; Selbsterzeugung des Geistes. „Das Denken ist sich selbst Quelle, trägt in sich selbst das Gesetz der Erzeugung seines Inhalts . .. Das Denken erzeugt das Sein. Das Denken darf nicht seinen Anfang außerhalb seines selbst nehmen; weder in der Sinnlichkeit noch in der Anschauung." Wirklichkeit ist also das Resultat eines rein geistigen Prozesses. Eine andere Wirklichkeit gibt es nicht. Eine solche philosophische Einstellung wendet sich mit derartiger Energie der reinen Geist-Wirklichkeit, dem reinen Denken-Sein zu, daß sie alle anderen Lebensgegebenheiten — wenn sie sie auch vielleicht nicht ganz leugnet — in wesen- und wirkungsloses Dunkel rückt. Gerade diese weggestellten, übersehenen Gegebenheiten aber sind es, deren volles Auswirken im Denken und Fühlen — im Zusammenspiel mit der Cohenschen Geist-Wirklichkeit — die Idee der jüdischen Renaissance erzeugt. Es gibt neben der der Denkintention entsprechenden Wirklichkeit des Seins (des Etwas-Seins und des Notwendig-Seins) noch eine andere Wirklichkeit, auf welche die neue Philosophie des Irrationalen hinweist, die des Werdens. Es ist jene Wirklichkeit, die uns unmittelbar im Erleben der Zeit gegeben wird (nicht ist), die wir, ohne jeden Umweg über den Geist und ohne jede Denkverarbeitung in uns erfahren, mag man nun diese innere Erfahrung Erlebnis oder Anschauung oder Intuition nennen. Es ist das einfache, direkte, absolut wissenschaftsferne, unbestimmte (nicht nur das noch-nicht-bestimmte) Gewahrwerden des Lebensstromes, in dem wir schwimmen. Dieses Erlebnis des Werdens ist das Aschenbrödel in Cohens Philosophie. Es mag vielleicht im System auch seinen Platz haben, denn ein System ist gedanklich stets universal, aber es hat einen schlechten Platz, der es nicht zur Geltung kommen läßt. Dieses Manko stört natürlich weniger in der Philosophie der reinen Natur-