Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die jüdische Renaissance und die Ethik des reinen Willens
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 222 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Felix Weltsch: lichkeit. Darin liegt der Sinn der Transzendenz des Gottes der Propheten, der eine ethische und keine kosmologische Angelegenheit ist; und darum ist der Gegenpol jüdischer Religiosität der Pantheismus, der die Natur Gottes im All findet, während der transzendente Gott der Propheten nichts weniger als mit der Natur identisch, vielmehr der tiefste Ausdruck für den Glauben an die Wirklichkeit des Guten ist, die letzte Zusammenfassung des sittlichen Optimismus der jüdischen Religion. Eine gedankliche Fortsetzung des Transzendenzbegriffs führt nach Cohen zum Messianismus. War der Gottesbegriff die Gewähr für die Kommensurabilität zwischen Wirklichkeit und Sein, die Gewähr, daß diese beiden Welten einander mindestens nicht widersprechen, daß eine Annäherung stattfinden kann, so ist der messianische Glaube die Garantie, daß eine wirkliche Annäherung dieser beiden Welten tatsächlich stattfinden wird; der Messianismus ist die Verbürgung für die Erfüllung des sittlichen Ideals. Zur Idee der Einigkeit Gottes findet Cohen ihr notwendiges Gegenstück in der Einigung der Menschen und in der Idee einer neuen Menschheit, als dem Ideal des Messianismus. Auch den Begriff der Willensfreiheit, einen Grundpfeiler der jüdischen Religion, stattet Cohen weiter aus; der sittliche Wille ist rein, das ist: frei von fremdem Ursprung, Quelle seiner selbst. Der Begriff des Messianismus, als der Verbürgung des sittlichen Ausfalls der Weltgeschichte, scheint Cohen mit dem Begriff der Willensfreiheit nicht in Widerspruch zu stehen. Die göttliche Vorsehung ist ihm geradezu die Hypothesis der Willensfreiheit. Die göttliche Fürsorge schränkt die Freiheit des Menschen nicht ein, sondern ermöglicht sie. Manche Fragen und Zweifel erwachsen aus solcher Gegenüberstellung; sie sind aber auf dem Boden der Cohenschen Philosophie nicht zu lösen. * Cohen und Klatzkin stellen zwei interessante Pole in der Theorie des Judentums dar: beide gleich ernst; beide gleich radikal; beide gleich jüdisch; beide einander scharf entgegengesetzt; und trotzdem Lehrer und Schüler. Klatzkin steht trotz seiner Gegnerschaft im Bann der großen Persönlichkeit Cohens; er ist auch dort, wo er Cohen widerspricht, Cohenianer. Das zeigt sich in seiner Behandlung der Frage, die sich bei Cohen zu allererst aufdrängt: Wie kommt es, daß Cohen, der große Versteher und Zu¬ Ende-Denker des Judentums, gerade im wichtigsten Punkte, in der Erfassung der nationalen Renaissance des Judentums, so vollständig versagt? Klatzkin beantwortet die Frage so: „Es war nicht eine Schwäche der methodischen Fundierung, nicht eine der logischen Deduktion; es war die Unzulänglichkeit einer veralteten Position. . . Darin liegt das Tragische dieses großen Denkers. Er hatte ein Erbe von seinem Geschlecht mitbekommen, das ihm zu einem dauernden Hemmnis ward; er blieb seiner Zeit treu dies sein Vergehen und seine Strafe zugleich."