Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die jüdische Renaissance und die Ethik des reinen Willens
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 221 (sequence 2)
- Language
- German
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Die jüdische Renaissance und die Ethik des reinen Willens 221 Den Kern des Büchleins bildet zweifellos die Darstellung von Cohens Philosophie des Judentums, die als eine äußerst wertvolle Zusammenfassung der Gedanken Cohens über das Judentum zu begrüßen ist, um so wertvoller, als es bekanntlich nicht gerade leicht ist, sich in Cohens Stil einzulesen. Der große Interpret Kants hat das Schicksal, daß er selbst oft eines Interpreten bedarf, und tatsächlich sind seine Lehren auch weit mehr durch Bücher seiner Schüler und Anhänger bekannt geworden als durch seine eigenen Schriften. Und da seine Schule selbstverständlich nicht gerade in erster Reihe darauf bedacht war, seine Philosophie des Judentums zu verarbeiten, so sind wir dem hierzu berufenen Klatzkin dafür dankbar, daß er für die Popularisierung dieses Teils von Cohens Lehre in seinem Buche Sorge trägt. Wir erfahren in dieser Darstellung, welch neue große Bedeutung Cohen den wichtigsten Begriffen der jüdischen Religion zu geben vermochte. Man braucht sich nicht zu scheuen, zu sagen, daß es eine ganz neue Bedeutung ist. Denn der letzte Sinn aller historischen Betrachtung, aller Sorge um geschichtliche Kontinuität ist ja die schöpferische Interpretation, welche einen Begriff wandelt, eine Lehre um schafft, so daß wohl ihre Stamm- und Wurzelbedeutung in ihr weiterlebt, aber in einer ganz neuen Art; sie steht nun plötzlich in einem ganz neuen Lichte da, hat einen ganz neuen Sinn bekommen, der nicht, ohne weiteres, mechanisch, notwendig aus ihr hervorgeht, sondern der aus ihr nur geschaffen werden kann, wenn eben ein Schöpfer da ist, mag dies nun ein einzelner Geist oder das Zusammenwirken mehrerer Geister in einer bestimmten Epoehe sein. Die Frage, ob etwa der Verkünder der ursprünglichen Lehre bereits der neuen Bedeutung sich irgendwie bewußt war, kann ruhig mit „Nein" beantwortet werden. Trotzdem war die alte Lehre unersetzliche Voraussetzung und mütterliches Material der neuen. Es ist gerade für uns Juden, deren Geistesarbeit in so reichem Maße interpretativ war, wichtig, den Wert und die Bedeutung solcher Interpretation ganz zu erfassen; es ist auch deshalb für uns wichtig, weil wir nur so die ungeheuren Möglichkeiten, das gewaltige zukunftsreiche Geist-Material richtig werten können, das in unserer Religion schlummert. Eines der größten Beispiele schöpferischer Interpretation bietet Cohen. Obwohl er schöpferisch war wie nur wenige, fühlt er sich doch, vielleicht aus Bescheidenheit, vielleicht aus historischem Gewissen und aus einer vornehmen Pietät der Vergangenheit und seinen großen Lehrmeistern gegenüber, stets als Interpret. Cohen gilt in der Geschichte der Philosophie als der große Kommentator und Fortsetzer der Kantischen Lehre; für uns ist er auch der große Interpret der Bibel und der jüdischen Religion. In der Darstellung Klatzkins treten die wichtigsten Grundbegriffe Cohenscher Ethik und Religionsphilosophie in ihren Zusammenhängen mit ihrem fruchtbaren Nährboden, der jüdischen Religion, klar hervor; vor allem der Cohensche Begriff Gottes, als des Bürgen für die Realität des Sittlichen, für die innere Korrespondenz zwischen Sein-Sollen und Sein, zwischen Sittlichkeit und Wirk-