Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Palästina und der Chassidismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 219 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Palästina und der Chassidismus 219 aus in der ganzen Welt ausdehnen und er sei das Haupt des gesamten Chassidim. „Ich bin im heiligen Lande — schrieb er — wie ein Bote der Statthalter beim königlichen Hofe, dem nichts entgeht von der Wohlfahrt des Reiches, sowohl körperlich als seelisch". Er wurde auch in Wirklichkeit von Chassidim aus allen Ländern mit Briefen bestürmt. In einem Antwortbriefe schreibt er: „Ich vergesse euch keinen Augenblick, jeder von euch ist in den Tafeln meines Herzens eingegraben, jeder einzige steht mir immer vor Augen mit all seinen Anliegen." Aber nicht nur seine Freunde von früher, die ihn persönlich kannten, sondern ihm ganz Unbekannte wandten sich brieflich an ihn, und auch ihnen antwortete er: „Es soll niemand von den Neuen vermeinen, ich kennte mich etwa nicht in seinen Angelegenheiten aus. Bei Gott, mir entgeht nichts von ihrer Sache, ich kenne jeden Einzelnen von Anfang bis Ende". Ab und zu schrieb er Briefe aus Palästina an die chassidische Gemeinde in der Diaspora. Diese Briefe sind voller Belehrung und Trost. Er empfand in sich durch das Wohnen in Palästina einen Zuwachs an Energie. So schreibt er einmal: „Wir sind hier bereit, beim Tor Gottes um Erbarmen zu beten, auf daß all euren Nöten geholfen werde". R. Mendel wurde zum Liebling des Volkes. „Herzensfreund ganz Israels" nennt ihn der harte R. Baruch von Miedzyboz. R. Baruch, der alle Zaddikim kritisierte, glaubte, daß durch R. Mendel „neue Gnaden im-heiligen Lande offenbart werden". So groß war die Wirkung Palästinas. R. Mendel wuchs immer mehr zu einer Geisteskraft heran, die das Leben der Chassidim in der Diaspora stark beeinflußte. Die Chassidim im Galuth blickten zu ihm auf als zu demjenigen, der den Toren Gottes nahe ist. Es entstand eine Bewegung mit dem Ziele, R. Mendel und seinen Anhang zu unterstützen, damit sie von der Sorge um den Erwerb befreit sein können. An der Spitze dieser Bewegung standen die berühmtesten Zaddikim. Die ,,Chaluka" wurde damals ausgebaut, die noch bis auf den heutigen Tag besteht: jeder Zaddik verteilt an seine Chassidim Büchsen des R. Meir Baal Haness; bei verschiedenen Gelegenheiten, mit Vorliebe vor Sabbath und Feiertag wird zugunsten der Chassidim in Palästina gespendet. Bei jedem Zaddik gibt es einen besonderen Kassierer, der das „Palästinageld" sammelt. Jedes Jahr zu einer bestimmten Jahreszeit werden die Gelder von allen Zadiktm an den jeweiligen „Nassi" der Gesamtspende für Palästina (in den letzten Jahren übte dieses Amt die Dynastie von Sadagora aus) abgeführt, der sie direkt nach Palästina schickt. R. Mendel ermahnte die Chassidim der Diaspora ab und zu die Sammlung fortzusetzen, denn die Not der chassidischen Gemeinde in Palästina war groß. Er verfaßte auch ein Gebet für das Wohl der Gönner der Palästinenser Gemeinde. Nach seinem Tode folgte ihm sein Freund R. Abraham Kalisker nach, der die Führung des Chassidismus übernahm „und ebenfalls den Briefverkehr nach der Diaspora pflegte, ohne aber einen so großen Einfluß auszuüben wie der Verstorbene. Es lag an der Persönlichkeit R. Abrahams,