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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 211

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
Date
1920-01-01
Page
211 (sequence 8)
Language
German
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Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongreßbewegung 211 Sicherstellung der nationalen Rechte des jüdischen Volkes in Österreich besonders für die Juden in den Westländern verbunden sein könnten, — Doch hatte sich anscheinend Dr. Stern, dem die Angelegenheit nach seinem Geständnis schon mehrere schlaflose Nächte verursacht hatte, inzwischen wieder anders besonnen, und er lehnte die Abgabe dieser von uns geforderten Erklärung, in der er sich zur Annahme des ersten Punktesin der eben mitgeteilten Interpretation bereit finden sollte, ab. In der denkwürdigen, mehrstündigen Unterredung mit uns verharrte er auf seinem früheren Standpunkt, daß die Juden zwar ein Volk seien, daß er aber, wenn er beispielsweise in seiner Eigenschaft als Präsident der Wiener jüdischen Gemeinde, der zweitgrößten Europas, vom Verfassungsausschuß des österreichischen Reichsrats als Experte einvernommen würde, erklären müßte, die Juden seien seiner Ansicht nach kein Volk. Man könne sich zwar in Versammlungen, in der Öffentlichkeit und in der Presse ruhig zur jüdischen Nation bekennen und er sympathisiere sogar mit diesem Bekenntnis der Nationaljuden, aber eine gesetzliche Festlegung der jüdischen Nationalität durch die Legislative bedeute für das Österreichische Judentum, welches dadurch gespalten und geteilt würde, geradezu „Gift". Es war Dr. Stern anzumerken, daß ihm die Frage wirklich nahegangen und er sich zu dieser neuerlichen Entscheidung nach langem innerem Kampfe durchgerungen hatte. Über den richtigen Kern seiner Ausführungen, den er mehr geahnt und gefühlt, als genau erkannt hatte und der ein ganz anderes Gebiet berührt, später. Auf der zweiten Sitzung des Wiener Kongreßkomitees, die Anfang März 1918 stattfand, wurde der Antrag des poalezionistischen Vertreters Dr. Max Rosenfeld angenommen, eine Programmkommission zur Ausarbeitung eines präzisen Programms einzusetzen. Diese Kommission hat mehrere Sitzungen abgehalten, in denen von den Vertretern der beiden Richtungen der gesamte Fragenkomplex in eingehenden Auseinandersetzungen, die aber immer wieder ergebnislos verliefen, erörtert wurde. Der prinzipielle Gegensatz war zu groß. Eine Abstimmung in der Kommission erfolgte nicht, sie wäre der Natur der Sache nach ja auch widersinnig und überdies ungerecht gewesen, da sich der von mir vertretenen Richtung mit einigen Modifikationen nur Adolf Böhm und Dr. Georg Kalpern anschlössen, die übrigen Mitglieder der Kommission, darunter auch die poalezionistischen, aber den Strickerschen Standpunkt vertraten (Dr. Max Rosenfeld — mit dem ich wiederholt privat über diese Fragen sprach — allerdings nur mit großer Skepsis und wiederholtem Hinweis auf das Kapitel seines damals vorbereiteten Werkes „Die polnische Judenfrage", in dem er von den wirtschaftlichen Gefahren einer nationalen Abgrenzung für die Juden spricht und betont, daß vorläufig die Minderheit nicht wirklich geschützt werden kann*). Für *) Dr. Max Rosenfeld, Die polnische Judenfrage. Problem und Lösung. R. Löwit Verlag, Wien-Berlin, 1918. 5. Abschnitt „Nationales Selbstbestimmungsrecht der Juden in Polen", Seite 206 ff. 14*

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