Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 209 (sequence 6)
- Language
- German
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Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongreßbewegung 209 außerhalb Wiens eine nennenswerte Bedeutung zu erlangen. Dies mochte wohl zu erheblichem Teil auf die Unklarheit, die hinsichtlich der Gegenwartsarbeit in der gesamten zionistischen Organisation bestand, und auf die Geringschätzung dieser Arbeit zurückzuführen sein. Auch programmatisch lagen erhebliche Unklarheiten vor. Das Programm des Jüdischen Nationalvereins war ziemlich' dürftig und unbefriedigend, und das Krakauer Programm vom Jahre 1906, das gleich ihm auf dem Boden der nationalen Autonomie nach den Rennerschen Vorschlägen stand und diese vorbehält- und kritiklos übernahm, gänzlich veraltet. — Welche Auffassung ich selbst in dem ersten Punkte des Kongreßprogramms, dessen endgültige Fassung (und damit auch die genaue Formulierung oder Interpretation seines ersten Punktes) auf der Vorkonferenz erfolgen sollte, ausgedrückt sah, wird noch ausführlich dargelegt werden. Ich betrachtete diese Auffassung, v/elche die Anerkennung der jüdischen Nationalität einschloß, aber für den Westen nicht die gleichen Konsequenzen wie für den Osten verlangte, als die nationaljüdische Minimalforderung, ohne deren Annahme ein Zusammengehen mit anderen Parteien unmöglich gewesen wäre. Allein Punkt I erschien schon in der obenstehenden Fassung den Nichtzionisten als zu weitgehend oder zumindest wegen seiner Vieldeutigkeit unannehmbar. So war auf der ersten, sehr gut besuchten Sitzung des Prager Kongreßkomitees im November 1917, die einmütig den Kongreß als unabweisbare Notwendigkeit erklärte, lediglich der erste Punkt Gegenstand der Diskussion und der Opposition eines Teiles der Versammlung. Schließlich wurde der Ausweg gefunden, daß die Annahme des Kongreßprogramms keine Bindung der Teilnehmer in nationaljüdischem* Sinne bedeuten und die endgültige Entscheidung der Vorkonferenz überlassen werden sollte. Viel unharmonischer und unglücklicher verlief die erste Sitzung des Wiener Kongreßkomitees im Feber 1918 infolge des unvermuteten Eingreifens des Präsidenten der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, welcher der Sitzung als Gast beiwohnte. Die Auseinandersetzungen mit Dr. Stern seien etwas genauer geschildert, weil sie ungewöhnlich symptomatisch für die Entwicklung des offiziellen Judentums sind, unter dessen Repräsentanten Dr* Stern die alle überragende, geradezu die letzte Jahrhunderthälfte jüdischer Geschichte in Österreich verkörpernde Persönlichkeit war. Ing. Stricker hatte bereits im Sommer 1917 mit Dr. Steril wegen dessen Beteiligung an der Kongreß bewegung verhandelt. Dr. Stern gab aber nur die vorsichtige Erklärung ab, daß er sich beteiligen wolle, wenn die Aktion gelänge. Kurz vor der Sitzung des Wiener Kongreßkomitees zeigte sich jedoch Dr. Stern in einer neuen Unterredung mit Stricker mit den sachlichen Forderungen des Kongreßprogramms vom 15. Juli 1917 im großen ganzen einverstanden und ersuchte nur, aus formalen und persönlichen Gründen, der ersten Sitzung lediglich als Gast beiwohnen zu dürfen. Nach Strickers einleitendem Referat, das alle nationaljüdischen Forderungen, darunter auch ganz maximalistische, wie die nach Ernennung eines jüdischen Landsmannministers, vertrat, ergriff Dr. Stern das Wort, um gegen Punkt I des Heft 4. 14