Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 208 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Albrecht Heilmann: licher Richtung ging ja auch die Entwicklung des amerikanisch-jüdischen Kongresses. Allerdings wurde mir damals bei meinem Hinweis auf diese Analogie nicht mit Unrecht entgegengehalten, daß der amerikanisch-jüdische Kongreß nichts für sich, sondern alles nur für ,,die andern", die Ostjuden, erstrebte. Die unmittelbaren Interessen der dortigen offiziellen Repräsentanten der Judenheit wurden also durch das neue nationale Programm dieses Kongresses nicht berührt. Andrerseits war aber damals im Gegensatz zum demokratischen Amerika eine Unterschätzung des Einflusses und der Bedeutung dieser Schichten in Österreich auch nicht am Platz. Viel tiefer als in dieser taktischen Frage war jedoch der Gegensatz in der damit in Zusammenhang stehenden prinzipiellen, die das Programm des Kongresses betraf. Nach einigen vergeblichen Versuchen verschiedener zionistischer Parteiinstanzen, die zuerst von der Prager „Selbstwehr" propagierte Bewegung aus nicht ganz klaren Gründen zu vereiteln, wurde auf dem Wiener Vertrauensmännertag der österreichischen Zionisten am 15. Juli 1917 hinsichtlich des Charakters des Kongresses beschlossen, daß das Wahlrecht zum Kongreß nur von der Annahme des Kongreßprogramms abhängig gemacht werden solle. Dieses selbst bildete den Gegenstand eines Kompromisses, das geschlossen wurde zwischen der einen Richtung, die für einen allgemeinen jüdischen Kongreß eintrat und die außer von dem Referenten, dem damaligen Präsidenten des zionistischen Exekutivkomitees Adolf Stand, besonders entschieden von den Delegierten aus Böhmen Dr. Max Brod und mir vertreten wurde, und der' anderen Richtung, welche bloß einen nationalen Volkstag einberufen wollte und deren Wortführer Ing. Robert Stricker war. Es hatte folgenden Wortlaut: 1. Gewährleistung der Rechte des jüdischen Volkes bei der Neugestaltung der österreichischen Verfassung. 2. Schaffung einer Repräsentanz der österreichischen Judenheit auf demokratischer Basis. 3. Wiederaufbau der vom Kriege vernichteten jüdischen Existenzen in den vom Kriege unmittelbar betroffenen Gebieten (insbesondere in Galizien und der Bukowina). 4. Jugendfürsorge. 5. Erhaltung und Förderung des Palästinawerkes. 6. Maßnahmen gegen die Benachteiligung der Juden im öffentlichen und sozialen Leben. Wichtig und strittig war allein der erste Punkt, dessen unbestimmte und weite Fassung zwar beabsichtigt war, den aber die durch Stricker repräsentierte Richtung nie anders als im Sinne national jüdischer Postuldte auffaßte, wofür insbesondere die Bezeichnung „jüdisches Volk" einen unzweifelhaften Anhaltspunkt gab. Es mag hinzugefügt werden, daß allerdings diese nationaljüdischen Postulate selbst den meisten Zionisten wenn nicht gänzlich unbekannt, so doch zumindest ziemlich unklar geworden waren. Eine offizielle Verpflichtung der westösterreichischen Zionisten zur Landespolitik existierte nicht und war vom Brünner Parteitag im Jahre 1912 ausdrücklich nicht anerkannt worden. Und dem Jüdischen Nationalverein, dem die Durchführung der nationaljüdischen Innenpolitik zufiel, gelang es nicht,