Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 207 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongreßbewegung 207 Hussarek im Jahre 1917 zu denken. Und schließlich war es derselbe, sich sogar im nationalen Judentum äußernde, allerdings nicht auf die prinzipiellsten, sondern mehr auf taktisch-methodische Fragen sich erstreckende Gegensatz, welcher die letzte große jüdische Aktion in Österreich oder wenigstens den Versuch einer solchen zum Scheitern brachte: die Bewegung zur Einberufung eines österreichisch-jüdischen Kongresses. Über die Beweggründe, welche mich (anfänglich gegen ausdrücklichen Widerspruch und Widerstand der zionistischen Zentrair und Distriktsinstanzen) zur Einleitung der österreichisch-jüdischen Kongreßbewegung veranlaßten, braucht an dieser Stelle nichts mehr gesagt zu werden. Es kann auf den Artikel „Ein jüdischer Kongreß ia Österreich" verwiesen werden, der in Heft 4 des 2. Jahrgangs dieser Zeitschrift erschienen ist und alle diese Gründe, soweit man sie damals aussprechen konnte, enthält. Die Darstellung der theoretischen und taktischen Meinungsverschiedenheiten innerhalb der österreichischen zionistischen Organisation, die der Grund für die Einstellung der Kongreßbewegung waren, wird hier darum gegeben, weil sie in eindringlicher Konkretheit und gegenständlicher Exemplifikation der Theorie die großen Schwierigkeiten der jüdischen Nationalpolitik vor Augen führt. Sie folgt im wesentlichen und oft auch wörtlich einer Denkschrift, die ich im Spätsommer des Jahres 1918 für die führenden Personen im österreichischen Zionismus verfaßt habe, die aber nur an wenige versendet wurde, da eine weitere Verbreitung durch den Zusammenbruch Österreichs gegenstandslos geworden war. Von verschiedenen, ziemlich unwesentlichen Nuancen abgesehen, standen sich im Grunde zwei entgegengesetzte Anschauungen bezüglich des taktischen Vorgehens in der Kongreßbewegung und ihrer programmatischen Forderungen gegenüber. Die eine radikalere, die besonders von Ingenieur Robert Stricker, jetzt Mitglied der deutschösterreichischen Nationalversammlung, und den meisten poalezionistischen Führern repräsentiert wurde, legte auf das Zusammenarbeiten mit nichtnationalen Kreisen in der Kongreßaktion wenig oder gar keinen Wert, weil sie der Möglichkeit eines dauernden und fruchtbringenden Zusammenwirkens mit ihnen sehr skeptisch gegenüberstand. Demgegenüber vertrat ich die Anschauung, daß ein österreichisch-jüdischer Kongreß seinem ganzen Charakter und Zwecke nach nur als eine Aktion des gesamten österreichischen Judentums, soweit es noch wirklich jüdisch fühlte, gedacht werden könne^ umso mehr als die damals mehrfach unternommenen Versuche, die offiziellen, nichtnationaljüdischen Gruppen zur Mitarbeit an einem nicht geradezu demonstrativ nationalen Kongresse heranzuziehen, von einem überraschenden Erfolge begleitet waren. Ich verkannte allerdings nicht, daß mit dieser Mitarbeit auf die Dauer nicht zu rechnen war und eine gewisse Absplitterung erfolgt wäre, sobald infolge der Agitation der Zionisten, des einzig aktiven Teils des österreichischen Judentums, der nationale Charakter der Kongreßbewegüng hervorgetreten und damit die „Gefahr" einer Majorisierung der bisher führenden Schichten sichtbar geworden wäre. In ähn-