Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 206 (sequence 3)
- Language
- German
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20Ö Albrecht Hellmann: licher hervor als im österreichischen Judentum, das wie Österreich selbst die größten Gegensätze in sich vereinigte, die weiteste. Skala von kulturellen, sozialen, sprachlichen und anderen Unterschieden in sich barg. Welche Fülle von Widersprüchen, Fremdheiten und Gegensätzen umschließen die geographischen Breite- und Längegrade, welche durch die Städte Eger und Czernowitz, Krakau und Sarajewo bezeichnet werden, auch in jüdischer Beziehung! Der destruktiven Differenzierung durch das geschichtliche Gesetz der Assimilation unterliegend, kulturell und politisch mit den Nationen ihrer Umgebung verknüpft, haben die österreichischen Juden auch deren staatsrechtliches Schicksal geteilt, und so ist die Einheit des österreichischen Judentums, die im Grunde nie bestand, gleich der (ebenso fiktiven) Einheit Österreichs in die Brüche gegangen. Daß dies vom Standpunkte des nationalen, die Einheit des jüdischen Volkes in der ganzen Welt betonenden Judentums ebensowenig als dessen Vorteil angesehen werden kann wie der für das russische Judentum geradezu katastrophale Zerfall Rußlands, wäre an sich ja kaum zu bestreiten. Bedenkt man jedoch, daß das Judentum in Österreich nur sehr unbestimmte Möglichkeiten für seine nationale Entfaltung gehabt hat — vor allem aus dem Grunde, weil man in Wien nur geringes Verständnis für aUe nationalen Fragen überhaupt besaß — und der Krieg neben Österreich auch Ungarn, dieses innerlich korrupteste Land Europas, welches durch seine Assimilationspolitik auch die Juden korrumpierte (ebenso wie es durch seine schamlose Unterdrückungstaktik mit Hilfe dieser Juden die anderen „Nationalitäten" niederhielt) zerbrochen und so in der Slowakei wie in Siebenbürgen dem nationaljüdischen Gedanken überhaupt erst eine Betätigungsmöglichkeit gegeben hat, dann wird man in dieser Frage doch nicht mit der vielfach zu beobachtenden aprioristischen Sicherheit urteilen. Allerdings war die Vereinigung Galiziens mit Polen für die staatsbürgerliche und wirtschaftliche Stellung des erheblichsten Teiles des österreichischen Judentums ein schwerer Schlag, der nicht durch irgendwelche andere Vorteile aufzuwiegen ist. Dasselbe gilt auch für die Angliederung der rumänischen Gebiete Ungarns und der Bukowina an Rumänien; auch die Depossedierung der slowakischen Juden aus ihren wirtschaftlichen Positionen — die politischen waren z. T. ungerechterweise arrogiert —, das anfängliche Zurückdrängen der Juden in Böhmen und Mähren auf demselben Gebiete und die durch die allgemeine Lage Deutsch-Österreichs bedingte Verelendung der ärmeren Schichten des Wiener Judentums lassen den Zerfall Österreichs als einen schweren Schaden für die Juden erscheinen. Die inneren Unterschiede im österreichischen Judentum, insbesondere der Gegensatz zwischen westlichem und östlichem, haben jedes einheitliche Vorgehen stets vereitelt. Man braucht nur an das infolge dieses Gegensatzes verursachte Scheitern des österreichisch-israelitischen Gemeindebundes oder an das Mißlingen der rechtlichen Konstituierung der israelitischen Religionsgesellschaft im Wege eines geplanten Gesetzesoktrois durch den Kultusminister