Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 205 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101168-3105426--4029-3105467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongreßbewegung 205 die Epoche der Differenzierung, der Destruktion und des Zerfalls abgelöst, vielmehr scheinen wir gerade jetzt auf dem Höhepunkt der Sonderung und der Zerstörung angelangt zu sein und es hat diese Grundtendenz unserer Zeit so starke Macht über die Seelen gewonnen, daß sie geradezu zum Hauptprogrammpunkt der zeitgemäßesten und den tiefsten Einfluß ausübenden Bewegung geworden ist: des Bolschewismus. (Insofern hat hier die materialistische Geschichtsauffassung recht gehabt: aber dieses vom Sein bestimmte Bewußtsein ist einZeit- und damit auch schon ein Vergangenheitsbewußtsein, nicht das Zukunftsbewußtsein der in der Idee lebenden Menschen. In der Idee leben heißt aber nicht, die heute wirklichkeitsreifen Entwicklungstendenzen zu erkennen und zu beschleunigen, sondern nach einem Worte Goethes „das Unmögliche zu behandeln, als wenn es möglich wäre". Nur dieses Zukunftsbewußtsein — nicht der Geist, der das Heute, sondern derjenige, der das Morgen erkennt, — ist geschichtsbildend und epochemachend. Also z. B. auch die ursprüngliche Ideologie des früheren, des echten Bolschewismus.) — Der vorläufig letzte Akt dieses politischen Differenzierungsprozesses war der Zerfall der tausendjährigen staatlichen und wirtschaftlichen Einheit, welche Österreich gebildet hat. Daß dieser Prozeß, der mit dem Erwachen der bisher geschichtslosen Nationen im österreichischen Kaiserstaat begonnen hatte, unaufhaltsam war, darüber war kein Einsichtiger seit langem im Zweifel. Nur wenige aber glaubten, daß sein letztes Ziel die völlige Auflösung, daß die Separation eine absolute sein müsse und ihr nicht eine Föderierung auf einer gerechten Grundlage das Gegengewicht hätte halten können. Erst der Krieg, dieses Scheidefeuer der Geister und Völker, der alle Gegensätze noch verschärft, alle zentrifugalen Tendenzen steigert und die äußerste Belastungsprobe für jedes Band der Zusammengehörigkeit ist, hat gezeigt, daß Österreich weder eine gefühlsmäßige noch geistige Einheit geworden ist. Er hat die starken wirtschaftlichen Zusammenhänge zerrissen (wo bleibt übrigens auch da der „Primat der Ökonomie" nach der, marxistischen Doktrin?), die Differenzierung ist in völlige Separierung ausgelaufen, und die nationalen Grenzen, welche die österreichischen Föderalisten und die Vorkämpfer der nationalen Autonomie als einzig möglichen Lösungsversuch der Nationalitätenfrage forderten und die die einen in einem zwar schon territorialen, aber doch noch innerstaatlichen Sinne, die anderen im Sinne einer Teilung der Kompetenzen zwischen Staat und Nation nach dem Personalitätsprinzip auffaßten, wurden zu den tief einschneiden- * ' <s den und scharf trennenden Staatsgrenzen der neuen „Nationalstaaten". So mußte schließlich auch das in schwachen Ansätzen schon vorhandene innerstaatliche „Binnenvölkerrecht", wie das Nationalitätenrecht treffend genannt wurde, jetzt von rein „völkerrechtlichen" (zwischenstaatlichen) Beziehungen zwischen den früheren österreichischen Völkern und nunmehrigen souveränen Staaten abgelöst werden. Auch die Geschichte des Judentums seit der französischen Revolution war ein großer Differenzierungsprozeß, und nirgends trat dies sinnfälliger und deut-