Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 203 bilden, ist es der von Juden zum Teil eingeleitete und geleitete Sozialismus, der den Gegensatz ausdrückt; zu allem aber noch fügt sich, besonders im Zeitalter des aggressiven und militaristischen Nationalismus, die Gewaltverneinung des Juden, sein Verwerfen des aktiven Kriegerheros zugunsten des passiven und für den Geist zu sterben wissenden Märtyrerheros, mit besonderer Schärfe. Es kommt hier keinesfalls darauf an, zu zeigen, wie der Jude in einige dieser Gegensätze hineingezwungen wurde; dies ist sehr bekannt und allzuoft dem Wichtigeren vorgezogen worden: daß sich zwar die Art der Gegensätzlichkeit änderte, nicht aber ihre zentrale, aus jeweiligen Grundkräften fließende Intimität Wie sich diese Gegensätzlichkeit, die in irgendeiner Form den Juden durch alle Zeiten und Länder begleitet hat, verkörpern wird, wenn Pazifismus und Völkerbündnis den militaristischen Nationalismus abschwächen und der Sozialismus in einer oder der andern (oder auch mehreren nationalen) seiner Formen sich durchgesetzt haben wird, läßt sich heute schon klar darstellen: er wird gesellschaftlich und kulturell sein. Die Völker werden daran gehen, ihre Eigenarten, und zwar ihre wirklichen, in kulturellen Formen und Schöpfungen darzustellen und darzuleben — und wieder wird der Jude, als Träger seines eigenen Rhythmus und Wesens, als ein abzusonderndes Element empfunden werden — und dies wäre sogar ohne Feindseligkeit möglich, falls der Jude darauf einginge und eine eigene Provinz des Schaffens, selbst in den Sprachen seiner Umvölker, einzurichten vermöchte . . . Um aber in der Gegenwart zu bleiben, wo der Abwehrkomplex des Umvolkes, der Mehrheit, gegen die namhafte und bemerkbare Minorität noch die feindseligsten Formen annehmen wird, muß festgestellt werden, daß je intensiver das Zusammenleben und der Wettbewerb auf allen Gebieten sich gestaltet, desto heftigere Reibungserscheinungen auftreten; je unauflöslicher die Verkettung, um so leidenschaftlicher die Bemühung, sie zu lösen. Wenn es möglich wäre, den durch die — nicht wieder rückgängig zu machende — Emanzipation der Juden geschaffenen Zustand in einiger Latenz zu erhalten, bis die Bemerkbarkeit, Volkhaftigkeit der Juden an gewissen Orten schwände, so wäre eine Art von Ablösung des Antisemitismus möglich: er nähme die Form einer unbestimmten, lange nachtragenden, aber langsam abschwellenden Gereiztheit an, während derer sich die Minderheit in größter Unauffälligkeit zu halten hätte. Da aber setzt als neuer Faktor, der die Bemerktheit des Juden in Permanenz setzt, die Tatsache ein, daß diese Minorität unverhältnismäßig viele Begabungen jeder Art hervorbringt und so ihre Existenz immer aufs neue ins Bewußtsein des Umvolkes ruft. Da dieser Zustand des Wettbewerbs auch auf den geistigen und schöpferischen Gebieten des Lebens im Wesen des modernen Staates selber wurzelt, da das Recht, alle Gaben zu entfalten und der Allgemeinheit zu dienen, im Wesen des Staatsbürgertums liegt, seitdem der Staat sich entschloß, die Rechte des Einzelnen auf freie Entfaltung anzuerkennen — ein Akt, dessen Rückgängigmachung nicht nur